Über Geld reden

Von Jochen Schlosser

München Mit Geld umzugehen, hat Uli Hoeneß früh gelernt. Und zwar freiwillig. Wenn samstags schulfrei war, stellte sich der kleine Uli gerne in der Metzgerei seiner Eltern am Ulmer Eselsberg an die Kasse. Er wusste genau, wie viel ein paar Rädle Lyoner oder Bierschinken kosten. Was er auch schon früh wusste: „Wenn die Kasse nicht stimmt, hängt der Haussegen schief.“ Diese Geschichte hat der gebürtige Schwabe, der seit seinem 18. Lebensjahr in Bayern lebt, oft erzählt. Meist bester Laune und im Wissen um seine Lebensleistung: Die Wurstfabrik in Nürnberg, die Millionen abwirft, und die mittlerweile sein Sohn Florian als Geschäftsführer leitet. Der Fußballverein FC Bayern München, den er als Manager von einem x-beliebigen Bundesligisten zum Rekordmeister und Weltklub machte. Bei seinen Vorträgen, auch beim Besuch seiner Heimatstadt vor nicht einmal zwei Jahren, erzählte er die Anekdote.

Vier Verhandlungstage angesetzt

Über Geld, auch über Kleingeld, hat Uli Hoeneß zuletzt höchstens gesprochen, wenn es um den FC Bayern ging. Am Montag jedoch ist es so weit, dann muss der 62-Jährige im Münchner Justizpalast am Stachus genau dies tun. Rede und Antwort wird er dem zuständigen Richter Rupert Heindl stehen, wenn der spektakulärste Prozess des Jahres beginnt. Vier Verhandlungstage sind bislang angesetzt, in denen Heindl den Steuerhinterziehungsvorwürfen gegen Hoeneß auf den Grund gehen wird (Az: W5 KLs 68 Js 3284/13). 454 Journalisten hatten sich um eine Akkreditierung beworben, nur 49 werden dabei sein. Die Zahl der Sitzplätze ist begrenzt. Die Verhandlung ist sozusagen ausverkauft.

Es werden schlimme Tage für Hoeneß werden. Ihm ist natürlich bewusst, dass viele auf seinen Sturz warten, dass ihm der Gang ins Gefängnis drohen könnte. Ihm, der es nicht anders kennt, als die Fäden des Handelns in der Hand zu halten, wird der Prozess gemacht. Er, der immer selbst entscheidet, was er mitteilt, muss reden. Nach jedem Bundesliga- oder Champions-League-Spiel ist es ein liebgewonnenes Ritual der Journalisten, bis zum Schluss in den Katakomben des Münchner Stadions auf den Vereinspatron zu warten. Vielleicht sagt er ja noch etwas. Oft lobt er, wenn Kritik angemessen wäre. Oft hält er sich zurück, obwohl ihm die Wut ins Gesicht geschrieben steht. „Antizyklisch reagieren“, nennt er das. Kaum jemand kann selbstzufriedener mit einem knappen „Schönen Abend noch“ entschwinden als Hoeneß. Trotz seines Alters legt der massige Mann dann einen flotten Schritt an den Tag, der daran erinnert, wie schnell der Stürmer Hoeneß einst in den 1970er-Jahren gewesen ist. Einst, als er beim FC Bayern gemeinsam mit Gerd Müller das gefährlichste Angriffsduo Deutschlands bildete, als er Deutscher Meister wurde, Europapokalsieger und Weltmeister. Später, als Manager, hat er sich gerne selbst als „Abteilung Attacke“ bezeichnet. Wer mit Hoeneß in den Ring stieg, lief Gefahr, schnell in den Seilen zu hängen. Seine verbale Schlagfertigkeit ist legendär. Frag’ nach bei Um-ein-Haar-Bundestrainer Christoph Daum oder dem früheren Manager von Werder Bremen, Willi Lemke.

Selbstgerechtigkeit war der Vorwurf, den sich Uli Hoeneß von seinen Kritikern oftmals gefallen lassen musste. Zugleich jedoch galt er vielen als Vorbild. Sein soziales Engagement war und ist ihm Herzensangelegenheit. Der ein oder andere Bayern-Profi stöhnte schon, wenn irgendwo in der Republik wieder einmal ein von Hoeneß zugesagtes Benefizspiel anstand. An die große Glocke hat er die wenigsten seiner Taten gehängt. Auch nicht, dass er seinem früheren Sturmpartner Müller einst in den 1980er-Jahren half, vom Alkohol wegzukommen und ihm einen Therapieplatz besorgt hat. 2009 sagte Müller in einem Interview der Abendzeitung: „Der Uli hat sich erkundigt, wo man mir am besten helfen konnte. Und am nächsten Tag war ich schon weg aus München.“ Ohne Uli hätte er dies nie geschafft, sagte Müller.

In ungezählten Fällen unterstützte Hoeneß ehemalige Bayern-Spieler, die mit dem Leben nach der Karriere nicht klarkamen. Die früheren Angreifer Lars Lunde oder Jürgen Wegmann etwa, denen er zu neuen beruflichen Aufgaben verhalf. Zuletzt kämpfte er für den jungen Verteidiger Breno, der seine gemietete Villa in Grünwald in Brand gesteckt hatte. Hoeneß sprach bei Gericht vor. Er wollte den Brasilianer vor dem Gefängnis bewahren. Als dies scheiterte, gab der FC Bayern dem Freigänger Breno vergangenen Sommer eine Aufgabe in der Geschäftsstelle an der Säbener Straße.

Der Bayern-Präsident, der auch weiterhin Vorsitzender des Aufsichtsrats des Rekordmeisters ist, und die Münchner Staatsanwaltschaft begegnen sich also nicht zum ersten Mal. Doch ab Montag sitzt der Privatmann Uli Hoeneß öffentlich auf der Anklagebank – trotz einer Selbstanzeige. Er muss sich für seinen „großen privaten Fehler“, wie er das Vergehen mehrfach selbst nannte, verantworten. Steuerhinterziehung in Millionenhöhe wird ihm zur Last gelegt, knapp über drei Millionen Euro sollen es sein. Es gehe um nicht versteuerte Kapitalertragssteuer, heißt es. Zugegeben hat Hoeneß, dass er ein „Konto zum Zocken“ bei einer Züricher Privatbank hatte. Die Summen, sagte er zur Wochenzeitung Die Zeit, kämen ihm heute selbst surreal vor. Die Spekulation an der Börse sei „der Kick, pures Adrenalin“ gewesen. Hoeneß‘ einzige Erklärung für sein Verhalten: „Vielleicht steckt dahinter auch die Sehnsucht, die Wirklichkeit zu vergessen, auszubrechen.“

Selbige holt ihn nun ein. Ex-Fußballprofi Hoeneß will „gut vorbereitet“ in den Gerichtssaal gehen. Denn noch immer glaubt er, zu Unrecht am Pranger zu stehen. „Ich bin der einzige unter 70 000 Selbstanzeigen, der in epischer Breite in der Öffentlichkeit dargestellt wurde. Von einem Steuergeheimnis kann lange keine Rede mehr sein, ein Prominenten-Bonus ist weit und breit nicht zu sehen. Es ist von einem riesigen Prominenten-Malus zu sprechen“, sagte er.

Er stellte sogar Strafanzeige, um herauszufinden, wer Dokumente aus seiner Steuerakte weitergeleitet haben könnte. Im April 2013 hatte das Magazin Focus seinen Fall öffentlich gemacht. Drei Monate zuvor hatte sich Hoeneß wegen eines geheimen Kontos in der Schweiz selbst bei den Behörden angezeigt. Die Staatsanwaltschaft eröffnete ein Ermittlungsverfahren, ließ sogar Hoeneß’ Haus am Tegernsee durchsuchen. Ein Haftbefehl wurde gegen Zahlung einer hohen Kaution außer Vollzug gesetzt – angeblich zumindest. Nun werden erstmals Fakten auf den Tisch kommen.

 

Höchststrafe beträgt zehn Jahre

Welches Urteil Hoeneß erhält, wird nach Meinung der meisten Steuerexperten und Juristen davon abhängen, ob der am Landgericht München II zuständige Richter Heindl, die nach Meinung der Staatsanwaltschaft fehlerhafte Selbstanzeige anerkennen wird. Wenn ja, könnte sie strafmildernd wirken. Dennoch glaubt etwa Thomas Eigenthaler, der Bundesvorsitzende der Deutschen Steuer-Gewerkschaft, an eine eher harte Bestrafung. „Eine Freiheitsstrafe erwarte ich auf alle Fälle – zur Bewährung ausgesetzt oder nicht“, sagte er vergangene Woche. „Nach allem, was man hört, haben wir es mit einem Fall schwerer Steuerhinterziehung zu tun, und dort gilt als Mindestfreiheitsstrafe ein halbes Jahr. Darum kommt man gar nicht herum. Die Höchststrafe beträgt sogar zehn Jahre Gefängnis.“

Es könnte somit noch schlimmer kommen. Denn das vergangene Jahr, sagte Hoeneß im Dezember, sei für ihn und seine Familie „das schlimmste Jahr überhaupt“ gewesen. Allerdings ist er weiter überzeugt, dass seine Selbstanzeige korrekt ist. Er glaubt noch immer an einen Freispruch. Ob er den Prozess nervlich durchstehen wird, weiß er jedoch nicht. „Das hängt von der Tagesform ab“, sagte er. Denn dass die Kasse nicht gestimmt hat, das weiß natürlich auch Uli Hoeneß selbst.

(Erschienen: 06.03.2014 21:35)

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