Madrid – Beim Spiel in Madrid entttäuschte Franck Ribéry, doch nachts gegen 2 Uhr am Rande des Banketts ging er dahin, wo es wehtut.
Den Gästen des Banketts der Bayern, die sich in der Nacht zum Donnerstag erst spät in ihre Hotelzimmer verzogen, bot sich – gesetzten Falles, dass die fortgeschrittene Uhrzeit ihnen noch den Blick fürs Detail erlaubte – in der großzügigen Lobby des „Inter Continentals“ von Madrid ein bemerkenswerter Anblick. Ein üppiger Flachbildschirm zeigte gegen 2 Uhr eine Wiederholung des 0:1 der Münchner gegen Real, nur wenige nahmen Notiz davon. Aber ein Mann hockte, im Beisein seiner Familie, direkt vor dem Monitor und verfolgte jede Szene. Das bemerkenswerte an diesem Anblick war, dass es sich bei diesem Mann ausgerechnet um den handelte, den jede Szene am meisten schmerzen musste: Franck Ribéry ging nachts um 2 Uhr das erste Mal in Madrid dahin, wo es wehtut. Er führte sich seinen fast historisch schwachen Auftritt noch einmal deutlich vor Augen.
Ribéry war im Bernabeu nichts geglückt, gar nichts. Bereits am Samstag in Braunschweig hatte er die vielleicht bisher schlechteste Partie in seinen nun schon fast sechs Jahren Dienstzeit in München abgeliefert, generell ist das Jahr 2014 bisher nicht das des Franzosen, und so rätselt die ganze Branche: Was ist mit diesem Mann los? Es gab Mitte Januar ein Erlebnis, das auf der Suche nach dem Knackpunkt in Ribérys eigentlich eindrucksvoller Saison eine Rolle spielt – und doch nicht spielen dürfte: Als er sich bei der Wahl zum Fußballer des Jahres Cristiano Ronaldo und Lionel Messi geschlagen geben musste, hatte ihn das verletzt. Aber deshalb in so ein Tal fallen? Über Monate? Man will es nicht glauben, dass so ein Akt verletzter Eitelkeit vorliegt, dass er solche Folgen rechtfertigt.
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Womöglich trägt auch Pep Guardiola eine Mitschuld, dass der 31-Jährige aus der Bahn geflogen ist. Wenn ein Coach nicht die richtige Ansprache findet beim sensiblen Mittelfeldmann, wird es problematisch. Ottmar Hitzfeld und Jupp Heynckes ließen ihn gewähren auf dem Platz, sie wussten, Ribéry muss man nur entfesseln, dann wirkt er. Sobald man ihn gruppendynamischen Prozessen opfert, verlieren sich seine Qualitäten. Louis van Gaal brachte ihn mit seiner Konzeptstarre fast dazu, den Klub zu verlassen. Jürgen Klinsmann verwirrte ihn mit albernen Vorstellungen. Guardiola gilt als feinfühliger Trainer, der individuelle Stärken fördert. Zumindest durch seine – gut gemeinte – Rotation hat er Ribéry aber irritiert. Heynckes sagte: Ribéry muss immer spielen. Sonst hat er keinen Spaß.
Es ist Zeit, dass man wieder zueinander findet. Ribéry verliert als Offensivmann anders als ein Verteidiger zwar keine Spiele. Aber er gewinnt sie auch nicht mehr. Die Bayern brauchen jetzt einen, der auf Top-Nievau den Unterschied ausmacht. Mal sehen, ob sich die nächtliche Spielanalyse bemerkbar macht.
Andreas Werner