Es ist noch gar nicht so lange her, da klang Philipp Lahm so, als hätte er wenig Lust, die neue Rolle auch mit dem Adler auf der Brust zu spielen. Kurz vor Weihnachten forderte der Rechtsverteidiger Klarheit von Joachim Löw. Vor dem Vorbereitungslehrgang zur WM wolle er wissen, was der Bundestrainer mit ihm vorhabe. Da hatte Trainer Pep Guardiola den Rechtsverteidiger bei dessen Heimatverein FC Bayern München längst mit Erfolg zweckentfremdet – als Sechser im defensiven Mittelfeld. Nun, am Tag vor dem Testländerspiel in Stuttgart (20.45 Uhr/ARD) gegen Chile, hat sich der DFB-Kapitän selbst festgelegt: Er will künftig lieber Mittelfeldspieler sein, auch beim DFB.
Lahm, als Verteidiger unbestritten einer der besten der Welt und auf dieser Position Champions-League-Sieger, viermal Meister und viermal Pokalsieger, hat sich der neuen Herausforderung gestellt und sie mit Bravour bewältigt. „Ich fühle mich wohl auf der Position, es macht mir Spaß“, sagte er am Dienstag und es klang ehrlich. „Ich kann mir vorstellen, da in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren zu spielen.“
Für Löw ist dies, angesichts der Unklarheit bei Dortmunds Ilkay Gündogan (chronische Rückenprobleme) und der Ungewissheit im Fall Sami Khedira (Reha nach Kreuzbandriss), eine wahrscheinlicher werdende Variante für die WM. Gegen Chile, dies hat er Lahm in einem Gespräch mitgeteilt, wird der Münchner im Mittelfeld auflaufen. Er und sein genesener Klubkollege Bastian Schweinsteiger bilden die sogenannte Doppelsechs. Die persönlich motivierte Forderung aus der Adventszeit ist inzwischen ebenfalls einem professionellen Pragmatismus gewichen. Letztendlich entscheide immer der Trainer, welche Position er bekleide. „Wir müssen abwarten, wie die Form der Spieler zur WM-Zeit ist.“ Zweifel, dass seine eigene Form nicht stimmen könnte, schwangen beim Kapitän nicht mit. Er sagte: „Ich stelle mich in den Dienst der Mannschaft.“ Überall.
In einem Spiegel-Interview hatte er bereits über seine Mittelfeldrolle geschwärmt: „Es fordert mich gistig, im Zentrum zu spielen. Als Außenverteidiger habe ich jede denkbare Situation schon erlebt.“ Dass auf den Kollegen ohnehin stets Verlass ist, weiß auch Lukas Podolski. Der kölsche Arsenal-Profi saß in Stuttgart bei der Pressekonferenz neben Lahm und sagte knapp: „Den Philipp kann man überall einsetzen. Er ist einer, der auf verschiedenen Positionen im Weltfußball heraussticht.“
Gerland hat’s schon immer gewusst
Das mit den verschiedenen Positionen überrascht dennoch viele. Hermann Gerland, der Co-Trainer des FC Bayern und einst für die Regionalliga-Mannschaft der Münchner verantwortlich, hat es jedoch schon immer gewusst. „Philipp hat wirklich alles: Technik, Schnelligkeit, einen sauberen, sicheren Pass, und vor allem spielt er die Pässe immer mit der richtigen Geschwindigkeit. Die sind immer genauso temperiert, dass die Mitspieler keine Probleme haben, den Ball anzunehmen“, sagte er – und zwar vor acht Jahren während der Heim-WM 2006. „Und er hat ein Riesen-Selbstbewusstsein. Der weiß genau, was er kann.“ Er kann eben auch Mittelfeld. Zunächst hat dies Guardiola erkannt, nun erkennt es Löw. Doch der Wegbereiter war auch in diesem Punkt der mittlerweile 59-jährige Gerland. „Philipp hat bei mir in der Regionalliga gelegentlich vor der Abwehr gespielt, auf der Sechser-Position.“ Das war von 2001 bis 2003. Übrigens habe Lahm – trotz seiner 1,70 Meter – schon damals die meisten Kopfballduelle gewonnen. Wirklich einer für alles und überall.
Und sollte Löw angesichts des ersten WM-Gegners am 16. Juni kurzfristig entscheiden, dass er doch einen ausnehmend guten Rechtsverteidiger braucht, würde sich Lahm gewiss nicht weigern. Dann geht es in Salvador de Bahia gegen Portugal. Philipp Lahms direkter Gegenspieler hieße wohl Cristiano Ronaldo.
Auszeichnung für Jérôme Boateng: Der Nationalspieler vom FC Bayern hat als Schirmherr des Vereins MitternachtsSport e.V. den Integrationspreis des DFB und von Mercedes-Benz erhalten. Das Projekt wurde in der Kategorie „Freie und Kommunale Träger“ gekürt. „Die Auszeichnung freut mich sehr. In meiner Heimat Berlin leisten wir mit dem MitternachtsSport etwas für die Kids in Spandau und für das Miteinander im gesamten Viertel. Mir macht es riesigen Spaß, wann immer ich bei den Jungs mal vorbeischauen kann“, sagte Boateng, der den Verein 2009 mit dem Berliner Sozialpädagogen Ismail Öner gegründet hatte. In den Kategorien „Verein“ und „Schule“ überzeugten der SV Türkgücü Kassel 1972 und die Grundschule Völklingen an der Bergstraße/Röchlinghöhe. Der FSV Mainz 05 erhielt einen Sonderpreis für seine Integrationsarbeit. (dpa)
(Erschienen: 04.03.2014 21:20)