Sie sind beste Kumpels und sie teilen eine große Leidenschaft. Wann immer Manfred Ziegler und Manuel Schiebel zusammenkommen, dreht sich alles um die wichtigste Nebensache der Welt: Fußball. Nur eines unterscheidet sie. Während Manfred aus Hausen leidenschaftlicher Fan des FC Bayern ist und sich gerne auch mal ein rotes Trikot der Münchner überstreift, kennt Manuel seit Kindestagen nur eine Farbkombination: die von Schwarz-Gelb. Selbst seine Wohnung in Bad Wörishofen hat der 26-Jährige in den Vereinsfarben von Borussia Dortmund gestaltet, dazu die Silhouette Dortmunds mit der Aufschrift „Echte Liebe“.
Heute kommt es zum großen Duell zwischen Bayern und Dortmund. Seit Wochen fiebern die beiden Freunde diesem Spiel der Spiele entgegen. Manfred, der Bayernfan, will das Spiel beim Public Viewing in München verfolgen. Er sieht seine Münchner leicht im Vorteil, auch wenn er meint, die Bayern hätten nach dem verlorenen Finale im vorigen Jahr den größeren Druck. 2:1 tippt er, wobei Müller und Robben die Tore schießen werden.
Manuel Schiebel ist sich nicht so sicher, ob „wir“, wie er über die Dortmunder sagt, tatsächlich das bessere Ende für sich haben werden. „Einen Sieg für uns muss ich ja tippen“, sagt er. Weil ihm die Abwehr um Matts Hummels in jüngster Zeit nicht den stabilsten Eindruck macht, tippt er auf ein 3:2 für den BVB. Vorne ein paar Dinger rein machen, dann kann man sich die Nachlässigkeiten hinten leisten, so sein Kalkül.
Wichtig ist beiden, dass es ein gutes Spiel auf „Augenhöhe“ wird und die Stimmung gut ist. „Wenn eine Mannschaft nach einer halben Stunde schon mit drei, vier Toren vorne liegen würde, wäre es für mich das Schlimmste“, sagt der 25-jährige Ziegler, der bei der Firma Grob in Mindelheim als Elektriker beschäftigt ist. Freund Schiebel arbeitet als Küchenchef in Bad Wörishofen. Er erkennt an, welche überragende Saison die Bayern heuer gespielt haben. „Selbst wenn wir zehn, 15 Punkte mehr gemacht hätten, wäre Bayern verdient Meister geworden.“ So viel Sportsgeist muss sein. Aber natürlich sieht er auch seinen BVB gut aufgestellt. Vor allem in der Vorrunde in der Königsklasse hätten die Dortmunder überragend gespielt.
Dass es viele Bayernfans im Unterallgäu gibt, ist angesichts der Nähe zu München wenig überraschend. Aber es werden auch immer mehr, die den Dortmundern die Daumen drücken. Trainer Jürgen Klopp und seine erfrischend aufspielenden Jungstars haben sich in den vergangenen Jahren auch in Süddeutschland viele Sympathien erworben. Bei Manuel Schiebel ist freilich alles anders. Er war schon zu Zeiten Dortmundfan, als es im Westfalenstadion so gar nicht laufen mochte. Dabei ist der 26-Jährige in Landsberg am Lech aufgewachsen – also im unmittelbaren Einzugsgebiet der Münchner. Ihm hat das nie etwas ausgemacht. Das Leben in der Diaspora macht irgendwie auch stark. Er ist jedenfalls stolz darauf, nie seinen Verein gewechselt zu haben. Einmal Dortmund, immer Dortmund. Gleichgesinnte hat er auch hier gefunden.
Im Allgäu gibt es einen eigenen Dortmunder Fanclub. Den „BVB-Bavarians“ gehört Manuel Schiebel seit vielen Jahren an. Rund 60 Mitglieder zählt der Club. Zu jedem Spiel ihrer Lieblinge reisen zwischen vier und 15 von ihnen an. Mal geht es zu einem Auswärtsspiel der Dortmunder, mal in den Signal-Iduna-Park, rein in die mit 80 000 Zuschauern fast immer ausverkaufte Arena. Zum festen Bestandteil eines BVB-Fans gehört, die Schalker nicht zu mögen. „Blau ist der Tod“, sagt Manuel. Das übernehme man automatisch. Selbst Bayern-Freund Manfred mag Schalkefans nicht besonders. Da sind sich die beiden rasch einig.
Nicht anders ist es, wenn sie auf Fernsehkommentaren zu sprechen kommen. Bela Rethy vom ZDF können sie gar nicht abhaben. Und Marcel Reif von Sky ist für beide schlicht „eine Flasche“. Ohnehin geht nichts über einen Stadionbesuch. Manfred Ziegler schaut sich die Topspiele in München an, ist wegen der besseren Stimmung aber zufrieden, wenn er ein Spiel beim Public Viewing miterleben kann. Freund Manuel verpasst dem Münchner Publikum das Etikett „Erfolgsfans“. Manuel lebt für den Fußball. Seine Freundin teilt diese Begeisterung. Erst kürzlich war er wieder in Westfalen. „Es war das größte Spiel, das ich je miterlebt habe.“ Der Götze-Wechsel zum FC Bayern war gerade bekannt geworden, da rückten die Fans zusammen und Lewandowski schickte Real Madrid mit vier Toren nach Hause. „Das war überragend“, strahlt Manu.
Diesen Abend wird er sein Leben lang nicht vergessen. Aber vielleicht wartet noch Größeres auf ihn. Seit voriger Woche hat er ein Ticket für das Finale in London sicher in der Tasche. Dass jetzt noch ein völlig überteuerter Flug und eine ebenso überzogene Rechnung für ein Hotelzimmer auf ihn warten, ist ihm im Grunde egal. Hauptsache, er ist mitten unter den Dortmunder-Fans, die für ihre Kreativität besonders bekannt sind. „Es gibt nichts Schöneres.“