MATTIGHOFEN. Ausstellungsleiter Philipp Herzog traf eine ehemalige Schlossbewohnerin von Mattighofen – eine Zeitreise.
Eine Landesausstellung erzählt die Geschichte des Landes. Diesmal grenzüberschreitend mit Bayern, wie es dem Innviertel – Oberösterreichs „bayerischem Erbe“ – entspricht. Landesgeschichte(n) der besonderen Art erzählen aber auch die Besucher. Ganz besonders interessant sind jene Begegnungen, die einen direkten Bezug zum Ort haben, in diesem Fall zum Jagdschloss in Mattighofen. Natürlich kennen unsere Begleiter die Geschichte des Schlosses: zuerst die Kuchler, dann die Ortenburger, Wittelsbacher, Habsburger, der Kriegsgeschädigtenfonds, letztlich Reichs- und Bundesforste und endlich die Landesausstellung bzw. die Stadtgemeinde. Aber was sagt das schon? Wie hat man hier gelebt – das ist doch das eigentlich Spannende!
Eine, die davon berichten kann, ist Christine Peter – eine rüstige, äußerst aufgeweckte Mitt-80erin, die ihre Jugend hier im Schloss verbracht hat. Aus Maria Schmolln zogen ihre Eltern in der Zwischenkriegszeit zusammen mit den 13 Kindern – sie als Jüngstes aus zweiter Ehe – nach Mattighofen. 1940 kam Frau Peter schließlich bei der Forstverwalterfamilie Krommer im Schloss als Kinder- und Hausmädchen unter. 15 war die Christl damals. Ich habe sie hier bei der Landesausstellung kennengelernt, eine Führung wollte sie haben. Letztendlich hat sie mich geführt, mir gezeigt wo früher die Küche war, wer vor 70 Jahren an meinem Platz im – heute wie damals – Büro saß.
Ein kurzer Abstecher in der Mittagspause in die Obere Austraße in Mattighofen, wo Frau Peter jedes Jahr „Heimaturlaub“ verbringt, entwickelte sich zu einem 4-stündigen Interview. Als ausgebildeter Historiker konnte ich nicht anders. Zu fesselnd ihre Geschichte: „Es war eine schwere Zeit, aber auch schön“ erklärt sie. Ausgerechnet die Kriegszeit schön? Das mag paradox klingen: Sie hat in dieser Zeit einen Bruder in Russland verloren, erzählt von einem Tieffliegerangriff auf Braunau, wo sie zweimal die Woche in der Haushaltungsschule saß und bei dem sie sich nur durch einen Sprung in die Brennnesseln vor den MG-Salven der Bordkanone in Sicherheit bringen konnte oder auch von Bombenangriffen auf den in unmittelbarer Nähe zum Schloss liegenden Bahnhof – heute noch schwärmt sie von den guten Eigenschaften des massiven Schlosskellers. Gedanken wie es wohl gerade den Menschen in Syrien geht, kommen auf. Schön war daran nichts! Und trotzdem: Das Leben im Schloss hatte seine guten Seiten. Anders als vielen anderen fehlte es ihr hier an nichts. Auch in die Dienstherrnfamilie wurde sie als junges Mädchen aufgenommen, fast als wäre sie die eigene Tochter. Die Arbeit, unter anderem die Betreuung der drei Krommer-Buben, machte sie gerne.
Zu mehrt teilte man sich das Schloss: den Großteil belegte die Forstverwaltung: Im Erdgeschoss Büroräume, Archiv, Garage, Holzlager, Waschküche, und wo heute der Wirt fein aufkocht, die Zimmer von Herrn Petzl, dem Hausmeister. Ein begnadeter Handwerker: von der Gießkanne bis zur Zither hat er alles selbst gemacht. Oben dann Küche, Speisekammer und die Wohnräume mitsamt dem großen Jagdzimmer. Prachtvoll ausgestattet: Zwei große Luster, ein riesiges Jagdgemälde, mächtige Hirschgeweihe und wunderschöne Biedermeiermöbel – wohl allesamt noch aus der Zeit, als die Habsburger hier ihre Jagdausflüge machten. Wo das alles geblieben ist, weiß sie nicht. Als die Landesausstellung hier im Schloss Quartier bezog, war davon jedenfalls nichts mehr da.
Das süd- und westseitige Obergeschoss war abgeteilt. Dort wohnten u.a. die Familie Hammer, der Oberförster Schober und ab 1942 der Kapellmeister, Herr Kolbenschlag mit seiner Familie. Auch eine „Zugehfrau“, Frau Holzwieser, hatte noch zwei bescheidene Kammerl im Erdgeschoss. Später wurden auch Bombenflüchtlinge aus Deutschland einquartiert.
Frau Peter erzählt vom arbeitsreichen Alltag: früh aufstehen – erstmal (selbstgerösteten) Kaffee und Frühstück für Herrn Krommer machen, der immer zeitig raus musste, die Kinder versorgen und für die Schule zurecht machen – die beiden älteren Buben gingen in den späteren Kriegsjahren dann ins Internat nach Salzburg – bald schon mit den Vorbereitungen fürs Mittagessen anfangen, den Abwasch und die Wäsche besorgen, Garten pflegen, auch mal mit den Kindern spielen – deren besondere Freude war übrigens das Baumhaus im hinteren Teil des Schlossparkes, hinten neben dem großen Mammutbaum – und letztlich wieder das Abendbrot vorbereiten, servieren, verräumen. Vor Mitternacht kam sie selten ins Bett – Abends ausgehen, wie man es heute vielleicht bei einem 15-jährigen Mädchen vermuten würde, sowas gab es nicht.
Gekocht wurde viel und aufwendig – vor allem Wild. Das hatte man in der Forstverwaltung natürlich zur Genüge: Hirschgulasch, Rehbraten, Fasane und Hasen standen regelmäßig auf der Speisekarte. Ganze 18 Hasen waren es einmal, die im Winter reihum am Dachboden aufgefädelt wurden – zum „Ausfrieren“. Das, was man an Wild nicht sofort verarbeiten konnte, wurde „eingerext“, hinten beim Forstarchiv in Regale geschlichtet und für den späteren Verzehr „archiviert“. Auch Süßes stand hoch im Kurs: Böhmische Dalken oder – ganz besonders kurios – die „Baltische Bohnentorte“, tatsächlich aus gestampften weißen Bohnen.
Angebaut hat man das meiste selbst: Erdäpfel- und Krautacker waren unterhalb des Schlossberges, beim Holzlager, ungefähr dort wo heute das Lagerhaus seine Waren anbietet. Direkt im Schlosspark befand sich ein großer Gemüsegarten. Als besondere Delikatesse wurde dort sogar Spargel angebaut. Den gab es als Vorspeise wenn hoher Besuch zu Gast war. Und auch über zu wenig Früchte konnte man sich nicht beklagen – an der Stelle der heutigen Kneippanlage war der Obstgarten: Äpfel, Birnen, Ribisel, Kirschen … – ja sogar ein Marillenbaum gedieh prächtig an der sonnenverwöhnten Südseite des Schlosses. Daneben noch die Tiere: Schafe, Enten und Hühner tummelten sich im Schlosspark. Vom Fleisch gefallen ist man so gesehen im Schloss nicht. Erst in späteren Kriegsjahren wurden Brot, Mehl und Milch rationiert. Kochen, so Frau Peter, hat sie hier im Schloss gelernt und auch ich durfte mich bei einem herrlichen Marillenkuchen und einer Tasse Kaffee von Ihrer Kunst überzeugen lassen – verlernt hat sie definitiv nichts!
Und was wäre eine Forstverwaltung ohne Holz. Ganze 17 Schwingen Scheiter wurden im Winter an einem einzigen Tag verheizt um die vielen schönen Kachelöfen im Schloss warm zu bekommen. Auch den Dienstwagen ließ Herr Krommer vom Mattighofner Schlosser und späteren KTM-Gründer Hans Trunkenpolz kurzerhand auf Holzgasantrieb umrüsten, nachdem Benzin nicht mehr an Zivilisten ausgegeben wurde. Das Holz des Kobernausserwaldes hatte aber auch noch eine viel dramatischere Bedeutung: Etliche Bauernsöhne der Umgebung verdanken ihm wohl das Leben. Der persönliche Einsatz von Herrn Krommer, dem Forstverwalter, konnte viele junge Burschen vor dem Einzug in die Wehrmacht und damit vor dem Fronteinsatz bewahren, indem er sie als kriegswichtige Waldarbeiter in der Forstwirtschaft auswies. Frau Peter erzählt, wie die überaus dankbaren Eltern immer wieder heimlich Pakete mit Lebensmitteln – Eiern, Milch, Speck, … vor den Schlosstoren abgestellt haben. Selbst hätten die Herrschaften solche Gefälligkeiten nie angenommen, betont sie und verweist auf die aufrichtige und warmherzige Art ihrer Dienstgeberfamilie. Der älteste Krommersohn, Otto, musste übrigens noch wenige Wochen vor Kriegsende einrücken, als die Nazi-Diktatur glaubte, im längst verlorenen Krieg noch halbe Kinder an die Front schicken zu müssen. Wie sehr in diesen Kriegsjahren Schwarz und Weiß beieinander lagen bzw. wie schwierig es für die heutige Generation ist, den Alltag unter der Nazi-Diktatur richtig zu verstehen, zeigt dabei die Tatsache, dass der Forstverwalter „natürlich bei der Partei war – anders wäre das damals in einer solchen Position nie gegangen“. In die Politik hat er sich nicht eingemischt. Gleichzeitig bekam man aber auch im Schloss – so wie die meisten Betriebe, in denen kriegsbedingt die Männer fehlten – einen Zwangsarbeiter zugeteilt. Der „Franzose“ war für die schwereren Hausarbeiten, die groben Gartenarbeiten und das Anheizen des Holzgas-Autos zuständig. Die Verständigung erfolgte über Frau Krommer, die von Christine Peter als eine sehr vornehme und gebildete Frau geschildert wird. Sie unterhielt sich schlicht auf Französisch mit ihm, nachdem seine brockenhaften Deutschkenntnisse kaum für eine ordentliche Unterhaltung taugten. Die Wertschätzung und der Respekt dem man ihm trotz seiner Position als Zwangsarbeiter offensichtlich entgegenbrachte, fanden ihren Ausdruck darin, dass der Kontakt mit ihm auch nach Kriegsende bzw. seiner Rückkehr nach Frankreich nie abriss.
Ganz einfach war die Arbeit im Schloss für die Christl aber auch nicht. Ihre liebe Not hatte sie mit den beiden alten Damen im Schloss, der Salzburger und der Wiener Oma – sie wurden nach Mattighofen geholt, als in den Städten die ersten Bomben fielen. Beide waren vornehme Frauen des alten Schlages, einerseits aus einer reichen großbürgerlichen Familie andererseits aus dem hohen Beamtenstand. An den alten Regeln, dass zum Beispiel Bedienstete am Esstisch der Herrschaften nichts verloren haben, hätte besonders die Wiener Oma nur allzu gerne festgehalten, wie Frau Peter erzählt. Das entschiedene Eintreten von Frau Krommer zu ihren Gunsten hat diesem alten Standesbewusstsein aber von Vorneherein einen Riegel vorgeschoben und auch sonst hielt die Hausherrin stets ihre schützende Hand über das junge Mädchen. Überhaupt war sich Frau Krommer nie zu schade, tatkräftig mitanzupacken, ganz besonders als es darum ging, die insgesamt 16 Flüchtlinge – Verwandte und Bekannte – zu versorgen, die im Laufe des Krieges bei den Krommers im Schloss Unterschlupf gefunden hatten. Aber auch die beiden alten Damen hatten so ihre Probleme miteinander. Zwar kam es nie zum offenen Streit – man wusste, was sich gehört – aber kleine Sticheleien und Seitenhiebe zwischen den beiden standen an der Tagesordnung.
Eindrücklich beschreibt Frau Peter auch die vielen Jagdgesellschaften im Schloss. Als oberster Jagdmeister für den Bezirk Braunau hatte Herr Krommer natürlich mit vielen Leuten zu tun. Diese wurden manchmal ein ganzes Wochenende lang ins Schloss eingeladen – zu einer Jagdpartie, Auerhähne, Hirschen, … – und Frau Peter war mit für die Versorgung zuständig. Dabei war es das Vorrecht des erfolgreichen Schützen, die gekonnt zubereiteten Innereien des erlegten Tieres auf den Teller zu bekommen. Jägerkollegen, hohe Beamten, aber auch Militärs waren so regelmäßig zu Gast im Schloss Mattighofen – und die Gastgeschenke in Form von Naturalien besserten die Versorgung auf – Kaffee, Wein, … ein Luxus, der in den Kriegsjahren sonst nur schwer zu bekommen war. Es fehlte der jungen Christl also hier an nichts – die Arbeit war viel, aber schön, die Versorgung gut, das Umfeld in der Familie Krommer herzlich – alles zu dieser Zeit keine Selbstverständlichkeiten. Die politische Diktatur spürte man im Alltag natürlich, aber wenn man eine gewisse Vorsicht walten ließ, kam man ohne gröbere Probleme zurecht. Von den unbeschreiblichen Gräueltaten des Regimes war man nicht betroffen.
Noch verständlicher wird die positive Erinnerung an diese Zeit besonders im Vergleich mit den unmittelbaren Nachkriegsjahren. Vor dem Durchzug der Front, den Flüchtlingsströmen aus dem Banat und anderen ehemals von Deutschen bewohnten Gebieten, vor dem Chaos bei der Auflösung der Wehrmacht und der SS und auch vor dem Einrücken der Amerikaner hatte man als junges Mädchen natürlich Angst. Mit dem Vortäuschen der Ruhr-Seuche konnte man im Schloss die Einquartierung der Amerikaner noch verhindern. Und man tat gut daran. Gerade die erste Riege der Frontkämpfer, sagt Frau Peter, waren grobe, primitive Kerle, die mit den kaugummi- und orangenverteilenden Befreiern noch wenig zu tun hatten – die kamen erst später. Besonders als Mädchen musste man sich hüten und Frau Peter erzählt von einer vorgehaltenen Pistole, als sie versuchte einer bedrängten Freundin zu Hilfe zu kommen – es ging nochmal alles gut aus!
Auch sonst brachte der Umbruch vorerst nur wenig Gutes: Der gesamte Lohn, den sie für ihre Arbeit im Schloss bekommen und eifrig gespart hatte, löste sich von einen Tag auf den anderen in Luft auf. Vielleicht ließ sie sich damals auch über den Tisch ziehen – es wusste ja damals niemand so genau wie jetzt alles laufen sollte – Tatsache war: Den Lohn für fünf Jahre Arbeit sah sie nie wieder.
Frau Peter verließ dann noch 1945 ihr heimatliches Mattighofen und zog zu Ihrem späteren Mann, nach Linz – genauer ins damals russisch besetzte Urfahr. Auch hier wieder Geschichten von Diebstählen im Zug und abenteuerlichen Fluchten vor russischen Soldaten, die ganz offensichtlich nichts Gutes im Sinn gehabt hatten. Ganz allgemein war Österreich damals kein Land, in dem einen viel gehalten hätte. Bei unserem Interview ist zufällig auch gerade die Cousine zu Besuch, auch sie über 80 – eine waschechte Mattighofnerin, mit feinstem Frank Stronach-Akzent. 1951 ist sie mit ihrem Mann – einem sudetendeutschen Flüchtling – in die USA ausgewandert. In Österreich gab es für sie damals keinerlei Perspektive. Heute lebt sie in Chicago und erzählt im Rückblick auf ihr Leben mit einem Hauch von Wehmut, ob es damals nicht gescheiter gewesen wäre, hier zu bleiben. Der „American Dream“ klang verlockend, die Realität in den USA war doch weit weniger romantisch. Aber niemand konnte damals ahnen, welchen fantastischen Aufschwung unser Land in den folgenden Jahren nehmen würde. Aber das ist wieder ein anderes Thema. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja auch zur Auswanderung aus Oberösterreich einmal eine Landesausstellung – auf die Geschichten der Besucher bin ich jedenfalls schon heute gespannt.