Kommunalwahlen in Bayern Werner Schmitt-Boerakker – ein gehörloser Kandidat

Für eine Radioreporterin ist dieser Termin definitiv eine seltene Ausnahme: BR-Reporterin Annette Kugler hat Werner Schmitt-Boerakker zusammen mit einem Gebärdensprachdolmetscher getroffen, der ihm für das Interview die Stimme leiht.

Die erste Herausforderung: so hinsetzen, dass Dolmetscher Holger Ruppert sowohl die Reporterin als auch Werner Schmitt-Boerakker gut sehen kann – ein kleiner Vorgeschmack auf die Gemeinderatssitzungen, an denen der SPD-Kandidat vielleicht schon bald teilnehmen wird.

Der 56-jährige ist seit seiner Geburt gehörlos – er arbeitet als IT-Ingenieur und lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Kaufering. Der dortige SPD-Vorsitzende Thomas Salzberger kennt Werner Schmitt-Boerakker schon seit Jahren – für ihn was es völlig normal, ihn auch für eine Kandidatur anzuwerben. An den ersten Infoständen allerdings, erinnert sich Salzberger, waren die Leute doch erst einmal ziemlich überrascht.

“Eigentlich haben viele zunächst nicht gewusst, wie sie damit umgehen sollen. Das war so der erste Eindruck. Aber man hat es ihnen erklärt, dann hat man auch ein bisschen was über die Person erzählt. Er hat ja auch Kinder, wie viele. Er hat einen tollen Job. Und dann haben die Leute ihn schon ganz anders gesehen, er hat ja keine Behinderung, die ihn beeinflusst im Leben, sondern er kann sich einfach nicht so artikulieren.”

Thomas Salzberger, SPD-Chef in Kaufering




Werner Schmitt-Boerakker, Gebärdensprachdolmetscher Holger Ruppert

Zu sagen hat Werner Schmitt-Boerakker einiges – das zeigt das Feuerwerk an Gesten und Gesichtsausdrücken, denen die Reporterin zu folgen versucht. Gebärdensprachdolmetscher Holger Ruppert übersetzt, was sich der Gemeinderats- und Kreistagskandidat politisch so alles vorgenommen hat: Schuldenabbau, Sportförderung und natürlich – bessere Teilhabe von Menschen mit Behinderung.

“Es gibt derzeit keinen Behindertenbeauftragten in Kaufering, anderenorts schon öfter. Angesichts der hohen Einwohnerzahl sollte man das vielleicht anvisieren – das betrifft alle Behinderungsarten, aber auch Senioren, es betrifft Rollstuhlfahrer und Blinde.”

Werner Schmitt-Boerakker

Gehörlose in der Politik – das ist in Deutschland tatsächlich eine Seltenheit. Der Anteil Gehörloser in der Bevölkerung ist relativ gering, ein Promill, schätzt der Landesverband Bayern der Gehörlosen e.V. – im Bayern leben demnach rund 10.000 gehörlose Menschen.

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Doch es tut sich was, in der Politik – in Berlin Mitte gibt es einen Gehörlosen grünen Bezirksrat, die Gehörlose Grüne Christine Linnartz kandidiert fürs Europaparlament, Alexander Exner will für die SPD in den Ingolstädter Stadtrat. Sollten er oder Werner Schmitt-Boerakker gewählt werden, wäre das in Bayern eine absolute Neuheit – und für die Sitzungen müssen die Kommunen dann wohl einen Gebärdendolmetscher finanzieren.

Seinen Wahlkampf bestreitet Werner Schmitt-Boerakker allerdings meist ohne Dolmetscher –  um zu zeigen, wie gelebte Inklusion aussehen kann. An den Infoständen wird er ohne Dolmetscher mit den Leuten reden, kündigt Werner Schmitt-Boerakker an.

“Wir Gehörlose sind offene Menschen, wir sind bereit zu kommunizieren und es wäre schön, wenn die Hörenden da auch einfach einen Schritt auf uns Gehörlose zutun würden.”

Werner Schmitt-Boerakker

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