Die Spessartgrotte bot am Freitagabend mit ihrer neuesten Premiere das richtige Mittel gegen die Tristesse des winterlichen Schmuddelwetters: Dieses Antidepressivum kam als Travestieshow „Ganze Kerle“ aus der Feder der Kanadierin Kerry Renard auf die Bühne des Theaters. Es wird verabreicht von vier Paketzustellern des Canadian Parcel Service in Halifax, deren von Hetze und geringer Bezahlung geprägter Betriebsalltag den Gegebenheiten hierzulande verblüffend ähnlich scheint.
Jeder von ihnen hat eine bemerkenswerte Vita, und der quirlige Mexikaner Manuel Rodriguez (Manuel Weinmann, auch für die Choreografie verantwortlich) mit spanischem Akzent ist der Ideengeber: Er überredet seine Kollegen George McGregor (Paul Seeger), Paul Rowlands (Markus Wedde) und Sam Knoxville (Timo Dassinger) dazu, ein gutes Werk zu tun. Obwohl der autoritäre Chef Frank Collins (Michel Schäfer) nicht beliebt ist, will man für die Augenoperation seiner Tochter Betty 20 000 Dollar sammeln. Angeregt von einem Zeitungsbericht über eine französische Travestiegruppe entscheiden die vier Männer, eine eigene Travestieshow auf die Beinen zu stellen, die das nötige Kleingeld bringen soll.




Die Zuschauer erleben im Stil amerikanischer Komödien, mit leichter Unterhaltung, Wortwitz und gut gesetzten Pointen, zunächst alle Stufen zur Umsetzung der skurrilen Idee. Vor allem die ersten Kostümproben und tollpatschigen Gehversuche in den hochhackigen Pumps lassen das Stück Fahrt aufnehmen, wobei Sams Mutter Elaine (Tanja Green) als agile Trainerin die Sache befeuert. Schließlich bringt sie Erfahrung als Salsa-Tanzlehrerin in der Seniorentagesstätte mit und outet sich als Travestiefan.
Phasen der Verwandlung
Die Tanzschritte werden sicherer, der Playback-Gesang besser, die Perücken sitzen und die Kostüme wirken immer aufreizender. Im Kontrast dazu – und als gelungener Gag – erscheint Paul mit Kanzlerin-Merkel-Frisur und braunem Kostüm auf der Bühne. Mit viel Beifall honoriert das Publikum die sich steigernden Phasen der Metamorphose von den hemdsärmeligen Paketdienstburschen in Overalls zu den in eng anliegenden Kleidern, Netzstrümpfen und Lederhorts über die Bühne wirbelnden Tänzerinnen.
Da wird die Handlung zur Nebensache: Der unverhofft auftauchende, miesepetrige Chef wird zum Mitmachen überredet, und weil die bevorstehende Operation ein Missverständnis war, will man mit dem Eintrittsgeld der viermal ausverkauften Show kurzerhand die Firma vor der Pleite retten. Die Spannung überträgt sich von der Bühne auf das Publikum bis zu dem von allen heiß ersehnten Auftritt des bunten Ensembles, im Varieté-Stil – angekündigt von Mama Elaine. Er bietet ein Kaleidoskop an ehemaligen und aktuellen Showgrößen, perfekt bis ins Detail inszeniert, passend im Outfit und in der Mimik mit originellen Background-Sängerinnen.
Die Fans feiern Marylin Monroe, die mit verführerischem Augenaufschlag „I wanna be loved by you“ haucht, Madonna, Whitney Houston, Andrea Berg, Helene Fischer und die Jodlerköniginnen Maria und Margot Hellwig.
Temperamentvolle Tanzeinlagen
Erstaunlich, welche temperamentvollen Tanzeinlagen auf der kleinen Bühne möglich sind. Minutenlanger Beifall war nach drei Stunden der Dank für die fantastische Leistung des Ensembles. Mit Freude an Schauspiel, Tanz und Musik stellte es unter Beweis, dass eine Komödie zum Thema Travestie nichts mit Klamauk und Peinlichkeiten zu tun haben muss, sondern mit Witz, Charme und viel Humor.
Die Komödie „Ganze Kerle“, Regie Helga Hartmann, steht bis Juli auf dem Spielplan. Karten/Reservierungen unter Tel. (0 93 51) 34 15.