G7-GipfeltreffenEntrückt im Schloss Elmau

Von Mirko WeberMirko Weber (miw)Profil 23. März 2015 – 12:12 Uhr

Im Tagungshotel für die Staatsgäste des G-7-Gipfels ist man gelassen. Aber drunten im Tal kommt eher Nervosität auf: Kommt der schwarze Block zum Protest?

Am 7. und 8. Juni wird Dietmar Mller-Elmau Gastgeber fr die Staatsgste des G-7-Gipfels in Schloss Elmau sein. Foto: dpa
Am 7. und 8. Juni wird Dietmar Müller-Elmau Gastgeber für die Staatsgäste des G-7-Gipfels in Schloss Elmau sein.Foto: dpa

Elmau – Für die Polizei“, sagt der Schlossbesitzer Dietmar Müller-Elmau vollmundig, „ist das Tal leicht zu schützen.“ Man steht da auf Elmau gerade unterhalb jener Suiten mit Blick auf den Wetterstein, in die am Wochenende des G-7-Gipfels Anfang Juni Kanzlerin Angela Merkel und ihre Kollegen einziehen werden, um in nicht einmal 48 Stunden die Weltlage durchzubuchstabieren. Das Ergänzungsgebäude zum Schloss ist gerade fertig geworden. Anfangs war der Hang abgegangen, jetzt steht das Haus gewissermaßen in venezianischer Manier auf 380 Betonstelen überm Ferchenbach, „unserer Lebensader“, wie Müller-Elmau betont.

Lebensader. Hat auch nicht jeder. Müller -Elmau nennt das Haus „Retreat“, „weil englische Termini den deutschen Bildungsbürgern so schön auf die Nerven gehen“. Es schaut jedenfalls schwer nach Luxus aus, wenn man Luxus als jene veredelte Scheineinfachheit begreift, die Müller-Elmau den Inbegriff seines „Cultural Hideaway“ nennt: Protz, der nicht augenfällig protzt. Softprotz. Der Kanzlerin auf Kurzvisite gefiel das Konzept, und dann hat sie in einem irgendwie seltsamen Verfahren ganz demokratisch für sich entschieden, dass der G-7-Gipfel nach Heiligendamm an der Ostsee nun hier nach Elmau gehöre. Viele Menschen im Ausland stellen sich Deutschland ja immer noch als Bilderbuchseite Bayern vor: als Hochglanz-Highlands. Und ist mehr Bayern in Bayern möglich, als wenn man vor Schloss Elmau steht?

So sind wohl die Überlegungen. Bezeichnenderweise ist der Einzige, der an diesem von der bayerischen Staatskanzlei organisierten Presserundreisetag zwischen München, Elmau und Garmisch die ominöse Phrase „Das ist Bayern!“ verwendet, Dietmar Müller-Elmau. Alle anderen, vom Innenminister bis zur Bürgermeisterin, scheinen nicht genau zu wissen, ob das wirklich stimmt oder ob Schloss Elmau doch mehr so was Zauberberghaftes hat: aus der Welt respektive Exklusivwelt für sich, während sie drunten mit der Hand sensen und Mindestlohn bekommen?

Der Innenminister hätte auch woanders getagt

Joachim Herrmann jedenfalls, der bayerische Innenminister – als Franke diesem ganzen oberbayerischen Inszenierungshokuspokus ohnehin ein wenig abhold – hätte sich Orte vorstellen können, die unter „Sicherheitsaspekten besser geeignet gewesen wären“. Herrenchiemsee zum Beispiel, eine Insel zwischen Bergen, wo das deutsche Grundgesetz mal Form annahm. Herrmann hat nicht davon geträumt, jeden Bahnhof im Umkreis selbst zu checken, was er aber brav tut.

Der in Mittenwald zum Beispiel ist jetzt richtig hübsch, von Grund auf renoviert. Schad’ nur, dass an den Gipfeltagen zwischen Mittenwald und Garmisch kein Zugverkehr erlaubt sein wird. Weil: da könnt’ ja jeder kommen. Und „Bayern wird nicht Frankfurt werden“, das sagt Herrmann ungefähr ein Dutzend Mal an diesem Tag. Insgesamt 15 000 Polizisten sollen ihre Augen überall haben (auch als Waldgänger), nach Elmau hinauf rumpeln von der Basis Garmisch aus eh nur spärlich Journalistenbusse, und die Gipfelgäste kommen, gutes Wetter vorausgesetzt, per Helikopter. Ansonsten Lufttransport bis hinters Moor in Murnau, hernach Konvoi. Es gibt aber auch C- und D-Pläne. Demonstriert wird in München auf dem Marienplatz oder auf dem Bahnhofsvorplatz in Garmisch-Partenkirchen, den man sich nicht übergroß vorstellen darf.

Während sie auf Elmau, weil vollends entrückt, überhaupt keine Sorge haben, dass der G-7-Gipfel ein Bringer ohne Begleitlärm wird, wiegen die Lokalpolitiker drunten schon die Häupter: Zwar hat man ihnen flächendeckend neue Feuerwehrautos und Infrastrukturbesserungen spendiert (40 Millionen Euro zahlt Bayern, 100 der Bund), aber Land bleibt eben Land. Camps der Gipfelgegner werden von den Kommunen mit dem Hinweis nicht erlaubt, dass die Wiesen der Bauern erst im Juli gemäht würden. Man könne da nicht einfach das Gras zertrampeln, und bitte: Sag einer was dagegen. Andererseits ist die Frage, ob das einen schwarzen Blockisten interessiert, den auch wieder eingeführte Grenzkontrollen (Herrmann: „notfalls am Brenner schon“) kaum aufhalten werden.

Im Tal gibt es nur einen Ein- und einen Ausgang

Sigrid Meierhofer, die SPD-Bürgermeisterin in Garmisch, geboren in Rottweil, tröstet sich damit, dass es „in unserem Gebirgstal nur einen Ein- und einen Ausgang gibt“, aber so müller-elmauhaft grundentspannt klingt das nicht. Garmisch wird kein Hideaway werden, wenn der Gipfel losgeht, dafür sorgen 4000 Journalisten. Sie bevölkern unter anderem eine Eishalle, in der Adolf Hitler 1936, der Garmisch und Partenkirchen kurzerhand zwangsvereinigen ließ, seine Begeisterung für die norwegische Eisläuferin Sonja Henie – „Häseken“ genannt – auslebte. Später gab es Tee auf dem Obersalzberg, was gleich ums Eck ist. Wenn die Journalisten Glück haben, karrt man sie mal in die entfernte Nähe vom Vorzeigeschloss Schloss Elmau, das tatsächlich als kulturprotestantischer Elitentreff konzipiert worden war, bis der Großvater von Dietmar Müller-Elmau wegen Führerverherrlichung „in Wort und Schrift“ verurteilt wurde. Ist alles Geschichte, klar. Denkt einer dran?

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