Fussball ist Zufall

Thurgauer Zeitung, 19. August 2014, 06:22 Uhr


Albert Bunjaku: In Basel top, in Thun nicht auf der Hhe.
(Bild: Keystone)

Wenn der FC St.Gallen in Basel gewinnt, heisst das noch lange nicht, dass er auch in Thun gewinnt. Denn zum Leidwesen von Tippern und Wettern ist der Fussball unberechenbar geworden.

Fredi Kurth

Wie an dieser Stelle vorhergesagt, hat der FC St.Gallen gegen Leader Basel und den Tabellendritten Thun nicht beide Auswrtsspiele verloren. Das eigentlich der aktuellen Papierform entsprochen. Drei Punkte aus diesen beiden Spielen sind deshalb ein beachtliches Ergebnis, wobei sich bloss die Frage stellt: Warum siegen die St.Galler nach ber einem Jahrzehnt endlich wieder einmal in der Festung St.Jakob-Park, nicht jedoch beim Aussenseiter im malerischen Berner Oberland? Die Antwort ist einfach: Es ist Zufall. Der Sieg in Basel war verdient. Bei der 1:3-Niederlage in Thun wre aufgrund des Spielgeschehens auch jeder andere Ausgang mglich gewesen.

Basel ratlos
In Basel war Zufall, dass der Gegner sehr schlecht disponiert war und seine Siegesserie mit der allzu grossen Experimentierfreudigkeit seines neuen Trainers selber aufs Spiel setzte. St.Gallens Keeper Herzog bekam den ersten Schuss irgendwann in der zweiten Halbzeit zu halten. Umgekehrt ging St.Gallen mit seiner ersten gefhrlichen Aktion erst fnf Minuten vor der Pause in Fhrung. Es zeigte taktisch eine abgeklrte Leistung, Anstze eines Spielstils waren zu erkennen: Der Gegner wurde in einer ersten Linie relativ spt an der Mittellinie erstmals gestrt, dahinter rckte jedoch die hintere zweite Linie weit nach vorne, wodurch die Basler in kaum fr mglich gehaltener Einfallslosigkeit den Ball immer wieder weit nach vorne ins Niemandsland beziehungsweise Offside schlugen.

Derart kompakt begegneten die St.Galler auch dem FC Thun und wieder konnte der Gegner mit einem fein herausgespielten Konter bezwungen werden. Dass die Berner danach mit stehenden Bllen erfolgreich waren, offenbarte indirekt eine Schwche von Saibenes Team: St.Gallen hat in dieser Saison noch kein einziges Tor aus einem stehenden Ball erzielt. Was die Freistsse betrifft, habe ich das bestimmte Gefhl, dass seit dem Abgang von Scarione noch nie aus einer solchen Gelegenheit ein Tor erzielt worden ist.

Morgenrte im Angriff
Dennoch gibt es gute Anstze: St.Gallen hat in den ersten sechs Partien drei Tore mehr erzielt als zum gleichen  Zeitpunkt vor einem Jahr (damals 6 jetzt 9) und alle aus dem Spiel heraus. Auch wenn eines davon unter spektakulrer Mithilfe von YB-Spieler Gajic erzielt, so lsst das doch auf Fortschritte in der Spielkreation schliessen. Und Bunjaku scheint jener Strmer zu sein, der die Gunst des Augenblicks eiskalt zu ntzen versteht. In gleichem Umfang kassierte St.Gallen aber auch mehr Gegentore, die Defensive hat durch Umstellungen diverser Art ein wenig gelitten.

Im Soll
Unter dem Strich spiegelt die jetzige Bilanz von je zwei Siegen, Unentschieden und Niederlagen das wider, was aktuell erwartet werden kann. Gegen Sion und in Thun resultierten zwar rgerliche Niederlagen, die Punktgewinne gegen Luzern, Basel und YB entsprachen dem Geschehen, gegen Aarau und Luzern hatte aber auch der Gegner Grund zum Hadern.

FC St.Gallen mit zwei Gesichtern
Vom Spektakel des Spiels gegen Aarau war man in Basel sehr weit, in Thun (dank der vier Tore und mehr Chancen nach der Pause) etwas weniger weit entfernt. Was aber ist berhaupt guter Fussball? Das Niveau in der Champions League sei hher als jenes an einer WM-Endrunde, hat Bayern-Strmer Thomas Mller noch vor Turnierbeginn gesagt. Armin Veh, St.Gallens ehemaliger Spieler und neuer Trainer beim VfB Stuttgart, behauptet dasselbe. Nehmen wir Mller beim Wort, ersetzen wir die fnf Positionen des deutschen Nationalteams, die nicht durch Bayern-Spielern der vergangenen Saison besetzt waren, mit weiteren Leuten des Meisters: Alaba fr Hwedes (Bayern im Plus), Dante statt Hummels (an der WM Hummels im Plus), Martinez statt Khedira (pari), Robben statt zil (Bayern im Plus), Mandzukic statt Klose (pari).

ch denke schon, dass Bayern in Bestbesetzung, nicht zu vergessen Ribry, besser ist als der Weltmeister. Und ich denke, dass dies in andern Fllen noch strker der Fall ist. So ist Manchester City deutlich hher einzustufen als die englische Nationalmannschaft. Von den fnf Nationalteams aus den grossen europischen Ligen blieben in Brasilien drei schon in der Gruppenphase stecken: Spanien, Italien, England. Warum das so war, aber nicht auf Deutschland zutrifft, das msste mal vertieft betrachtet werden.

Bundesliga: attraktiv und erfolgreich
Der hohe Level einer Fussball-Liga ergibt sich nach meiner Ansicht aus einer idealen Mischung von Erfolg und attraktiver Spielweise. Demzufolge drfte in der Bundesliga zuletzt der beste Fussball geboten worden sein. Dort fielen in den fnf Topligen die meisten Tore pro Spiel (3,16), und Deutschland liegt in der Uefa-Fnfjahreswertung auf Platz drei, mit welcher das Abschneiden in den europischen Wettbewerb  erfasst wird.

Ein Besuch in Altach
Die Super-League lsst sich am besten mit der sterreichischen Bundesliga vergleichen. Beides sind Zehnerligen mit 36 Spielen fr jede Mannschaft. Also schnell mal hingefahren zum Spiel Altach gegen Admira/Wacker Wien am vergangenen Mittwoch. Natrlich wrde ich mir kein Urteil erlauben nur aufgrund dieses Spiels und noch zwei TV-Spielen aus dieser Saison. Der Match verlief vor rund 4500 Zuschauern hnlich wie St.Gallen gegen Aarau. Altach erspielte sich Chance um Chance, Admira (mit dem ehemaligen St.Galler und Torschtzen an diesem Abend, Ren Schicker) erzielte aus wenigen Gelegenheiten zwei Tore. Beim 0:2 blieb es dann aber.

Der stimmungsmssige Unterschied zur AFG Arena ist frappant. Die Cashpoint Arena bietet lndliche Atmosphre. Die besten Tribnenpltze sind fr weniger als 20 Euro erhltlich (mit Zuschlag bei renommierten Gegnern). Auch die Kosten fr die Verpflegung liegen markant unter jenen in St.Gallen. In unserem Nachbarland fielen vergangene Saison deutlich mehr Tore als in der Schweiz (3,30 gegenber 2,88). Dann msste nach meiner Definition zumindest die Punktewertung der Uefa fr die Schweiz sprechen. Das trifft zu. Aber sehr knapp: sterreich liegt auf Platz 14 nur einen Rang hinter der Schweiz. Die sterreichischen Teams erzielten vergangene Saison trotz der Erfolge von Basel und des FC St.Gallen sogar einen hheren Wert als die Schweizer Vertreter. Ausschliesslich dem FC Basel verdankt die Schweizer Liga eine relative internationale Anerkennung. Die restlichen Vereine tragen wenig dazu bei. Israel und Zypern liegen sodann nur vier und fnf Pltze hinter der Schweiz.

Altach reagierte brigens auf die Niederlage hnlich wie der FC St.Gallen in Basel, siegte im nchsten Spiel, am Samstag bei Rapid Wien, mit 1:0. Zumindest auf einzelne Spiele bezogen (weniger auf die ganze Saison verteilt) gilt auch hier: Fussball ist Zufall.
 

Aufgefallen

Schweizer Export: 12 der 18 Bundesliga-Mannschaften Deutschlands startet am kommenden Wochenende mit mindestens einem Schweizer Fussballer in die Saison. Auf eidgenssische Wertarbeit verzichten einzig die Aufsteiger Paderborn und Kln (die kommen wohl auch noch auf den Geschmack), Mainz, Hannover, Bremen und Dortmund. Bei der Borussia ist dies insofern berraschend, als dort einst Gabet Chapuisat mit seinen vielen Toren den Weg fr weitere Schweizer Spieler geebnet hat. Werder Bremen knnte man ausklammern, hat es doch auf diese Saison Izet Hajrovic verpflichtet, der Doppelbrger hat sich jedoch fr das bosnische Nationalteam entschieden. Die ersten Schweizer Fussballer in der Bundesliga waren Mitte der 1960er-Jahre Toni Allemann und Rolf Wthrich bei Nrnberg. Der erste, der einschlug, war in den 1970ern Strmer Kudi Mller bei Hertha Berlin mit 20 Toren. Albert Bunjaku erzielte 13 Tore in der ersten und 15 in der zweiten Bundesliga.
TV-Konkurrenz: Wenn in der sterreichischen Eliteliga mehr Tore fallen als in der Schweizer Super League hat das noch keinen Einfluss auf die Zuschauerzahlen. Im Nachbarland ist der Durchschnitt seit 2007/08 stets gesunken, von 9284 auf 6165. In der Schweiz ist seit zwei Jahren ebenfalls eine Abnahme zu verzeichnen, letzte Saison lag das Mittel bei annhernd 11’000 Zuschauern. Ich vermute, dass diese Entwicklung hier wie dort mit den Live-bertragung smtlicher Spiele zusammenhngt. (th)

This entry was posted in DE and tagged by News4Me. Bookmark the permalink.

About News4Me

Globe-informer on Argentinian, Bahraini, Bavarian, Bosnian, Briton, Cantonese, Catalan, Chilean, Congolese, Croat, Ethiopian, Finnish, Flemish, German, Hungarian, Icelandic, Indian, Irish, Israeli, Jordanian, Javanese, Kiwi, Kurd, Kurdish, Malawian, Malay, Malaysian, Mauritian, Mongolian, Mozambican, Nepali, Nigerian, Paki, Palestinian, Papuan, Senegalese, Sicilian, Singaporean, Slovenian, South African, Syrian, Tanzanian, Texan, Tibetan, Ukrainian, Valencian, Venetian, and Venezuelan news

Leave a Reply