Interview aufgezeichnet von Timo Schneider
Durch die Verletzungen von Mats Hummels und Marcel Schmelzer hat sich die Situation bei Borussia Dortmund verschärft. Ist es trotzdem ein Duell auf Augenhöhe?
Jens Lehmann: Irgendwann wird sich der finanzielle Vorteil der Bayern, die einfach das Geld haben und ihre Mannschaft in der Tiefe wahnsinnig verstärkt haben, durchsetzen. Sie könnten zum Beispiel locker mit solchen Ausfällen umgehen, wohingegen der BVB Schwierigkeiten damit hat. Dortmund fehlt einfach der Unterbau und das wirkt sich jetzt zum ersten Mal in dieser Größenordnung aus. Trotzdem sehe ich die Bayern nicht als Favoriten. Dafür müssten bei Borussia Dortmund schon noch mehr Spieler ausfallen. Da Ribéry nicht bei den Münchnern auflaufen kann, ist der personelle Vorteil der Bayern geschrumpft. Zuhause spielt der BVB sehr stark.
Könnten die Borussen durch eine taktische Veränderung, zum Beispiel eine offensivere Aufstellung mit einer Dreierkette, die Personalnot ausbügeln?
Lehmann: Damals beim AC Mailand haben wir mit einer Dreierkette gespielt und wir hatten vorher mit Sicherheit 30 bis 40 Trainingseinheiten, um das zu trainieren. Unsere deutsche Ansicht ist immer noch, dass man mal zwei oder drei Trainingseinheiten mit einer Dreierkette einbaut und dann geht es schon. Das ist natürlich nicht so. Spätestens nach 30 Minuten hat der Gegner erkannt, wo die Schwachstellen liegen. Insbesondere in einem Spiel, wo die Qualitäten der Spieler auf einem gleich hohen Niveau liegen, wäre das fatal.
Kann Manuel Friedrich nach der langen Unterbrechung direkt im Top-Spiel der Liga einsteigen?
Lehmann: Oftmals ist es so, dass man am ersten Tag nach längerer Pause gut spielt. Ich hoffe für Manuel Friedrich, wenn er spielt, dass er einen Sahnetag erwischt. Aber warum sollte Dortmund ihn holen, wenn sie ihn nicht direkt einsetzen wollen? Im Bezug auf die Fitness ist das überhaupt kein Problem, wenn man ein wenig Sport macht. Manndecker könnte ich auch noch spielen, da muss man nicht viel laufen, sondern vor allem zentral stehen. Mich wundert es nur, dass Borussia in der Reserve niemanden hat, der sofort parat steht.
Ist die Partie BVB gegen Bayern das Schlüsselspiel um die Meisterschaft?
Lehmann: Hauptproblem könnte für die Borussia sein, dass man in der ersten Hälfte der Bundesliga keine Meisterschaft gewinnen kann, aber man kann sie verlieren. Bislang war Dortmund für die hervorragende Einstellung bekannt. Jetzt müssen die Borussen zeigen, inwieweit sie die Ausfälle qualitativ kompensieren können. Die Bundesliga ist in meinen Augen schon langweilig genug. Wenn Bayern gewinnt wäre sie noch langweiliger. Momentan sehe ich nur Dortmund in der Lage, sich zu wehren. Die anderen Vereine versuchen erst gar nicht, dem Rekordmeister gefährlich zu werden.
Sie haben damals die Erfahrung mit Ihrem Wechsel von Schalke nach Dortmund über den Umweg AC Mailand selbst gemacht – was erwartet Mario Götze bei der Rückkehr zu seinem alten Verein?
Lehmann: Er wird schwer beeindruckt sein, wenn er überhaupt spielen wird. Ich würde ihn wohl nicht spielen lassen. Er ist 21 Jahre alt und kommt zum ersten Mal nach Hause, wo er noch Freunde hat und seine Familie lebt. Auch wenn 20.000 klatschen, wird man die anderen 60.000 immer noch hören. In der Regel lässt man sich davon beeindrucken. Als Trainer würde ich ihm einer solchen Situation nicht aussetzen. Aus unterhaltungstechnischen Gründen wäre es aber besser, wenn er spielt. Eine Mannschaft wie Bayern kann es sich auch locker erlauben, einen Spieler wie ihn draußen zu lassen. Götze ist sehr jung und der FCB hat ihn nicht gekauft, um eine Position neu zu besetzen oder um die Mannschaft mitzureißen. Sein Transfer ist für die nächsten Jahre gedacht.
Am Samstag ist es auch ein Kampf der beiden Stürmer. Wer ist besser. Mario Mandzukic oder Robert Lewandowski?
Lehmann: Ich finde sie beide sehr ähnlich. Lewandowski ist stark auf den rechten Fuß fixiert, wohingegen Mandzukic unberechenbarer ist. Außerdem ist Mandzukic in meinen Augen etwas stärker mit dem Kopf. Auf der anderen Seite kann Lewandowski mit dem Fuß besser treffen. Natürlich reden wir hier nur über Nuancen auf wirklich höchstem Niveau. Ob Bayern, wenn es denn stimmt, Lewandowski wirklich verpflichten musste, glaube ich nicht. Gäbe es einen finanziellen Notstand, sollten sie das Geld lieber an anderen Stellen ausgeben. Doch da sie es sich erlauben können, wäre der Transfer für München gut, um die Dortmunder personell zu schwächen.
Zuletzt hatte BVB-Sportdirektor Michael Zorc die Ansetzung des Bundesliga-Krachers kritisiert. Zurecht, oder ist das eine Ausrede?
Lehmann: Ich kann die Kritik nachvollziehen. Manchmal gibt es einfach Situationen innerhalb einer Saison, wo man sich denkt: Warum muss ich jetzt vier, fünf Spiele, die an die absolute Belastungsgrenze gehen, innerhalb kürzester Zeit absolvieren? Wir hatten das mal in London, als wir Tabellenerster waren. Auf einmal mussten wir innerhalb von zehn Tagen zweimal in der Champions League gegen Chelsea sowie im Achtelfinale des Pokals gegen Manchester United spielen und in der Liga erwartete uns Liverpool. Wir waren damals mit Abstand die beste Mannschaft, aber wir haben es psychisch nicht hinbekommen. Sowohl aus dem FA Cup als auch aus der Champions League sind wir dann rausgeflogen. Dass Michael Zorc sich jetzt in die gleiche Richtung beschwert, finde ich legitim. Nach den Länderspielen müssen die Spieler von Jürgen Klopp jetzt gegen Bayern ran und am Dienstag wartet ein hartes Match gegen Neapel. Natürlich kann er (Zorc, Anm. d. Red.) sich dann fragen, warum das nun sein muss, dass solche wichtigen Spiele so eng beieinander liegen. Warum drängen sich die Top-Duelle gerade am Höhepunkt der Hinrunde? Das ist auch totaler Quatsch!
Video – Promis drücken BVB die Daumen