Eine Stadt am Ball – Tages

Alle anderen sind in der Bar: Ein einsamer Fussballfan verfolgt im Qemal-Stafa-Stadion in Tirana das Europa-League-Qualifikationsspiel KF Tirana gegen CS Grevenmacher aus Luxemburg, 5. Juli 2012. (Bild: Arben Celi, Reuters)

Vor ein paar Wochen habe ich über meine liebsten Fussball-Bars in Zürich geschrieben und mir den teils leiseren, teils lauteren Vorwurf eingeheimst, meine Sicht sei zu sehr auf die eigene Stadt beschränkt. Nun kann ich allen Kritikern sagen: Ich habe meinen Horizont erweitert – und zwar international! Ich habe die grösste, beste, wunderbarste Fussball-Bar Europas entdeckt: Tirana. Die albanische Hauptstadt ist nicht nur der kulturelle, politische und wirtschaftliche Mittelpunkt eines zentralistisch organisierten Staates, sondern auch absolut verrückt nach Fussball. Insbesondere dann, wenn ein Spieler mit albanischen Wurzeln für eine grosse Mannschaft dem Ball nachrennt.

Am Dienstag war so ein Jubeltag. Bayern München, mit dem kosovarisch-albanisch-schweizerischen Kraftwürfel Xherdan Shaqiri, der mich übrigens immer mehr an Barney Geroellheimer von den Flintstones erinnert, gastierte beim SC Freiburg. Jeton, der Barkeeper, steigerte sich in eine Art Fan-Ekstase, als der Name Shaqiri fiel, und so teilten wir freudig den Stolz, dass unsere beiden Länder beide etwas mit dem deutschen Meister, DFB-Pokalsieger und Champions-League-Gewinner zu tun haben. Stolz auf Shaqiri – aber nicht nur auf ihn, sondern auch auf die in der Super League engagierten Hyka, Abrashi, Basha und Co. – waren auch alle anderen Besucher in der Oops Bar.

Jeton, ich darf ihn jetzt übrigens als Teilverantwortlicher für Shaqiris Erfolge Jeti nennen, hatte mehr damit zu tun, die Lobpreisungen über den kleinen Fussballstar ins Englische zu übersetzen, als mit seiner eigentlichen Arbeit.  Bis auf die Frauen, die sich kollektiv nicht für Fussball zu interessieren scheinen, störte dies niemanden. Der Fusssball ist hier König, und dem König hat man zu huldigen. Es scheint, als gebe es in Tirana keine Bar, in der nicht Fussball gezeigt wird. Für die Partie Freiburg – Bayern rollten auch die feineren Lokale die Leinwände aus – und zwar auf dem Trottoir auf der anderen Strassenseite. Anders als bei uns sind Fussballübertragungen keine Rahmenveranstaltungen für Trinkgelage, sondern alles was zählt, solange der Ball rollt oder fliegt. Befeuert wird die Leidenschaft für den Sport durch die Leidenschaft fürs Wetten. Ob Bundesliga oder zweite norwegische Division, wenn ein Tor fällt, schreit immer einer auf. Weil er gerade Geld für weitere Wetten gewonnen oder weil er welches in den Sand gesetzt hat.

Und dann wurde es an diesem Dienstagabend plötzlich ganz besonders laut. Shaqiri hatte getroffen und mit ihm alle Barbesucher um mich herum. Es herrscht eine Glückseligkeit wie einst in der FCZ-Fankurve am 13. Mai 2006 beim historischen 2:1-Sieg über den FC Basel, der den Zürchern im St.-Jakob-Park zum ersten Meistertitel nach 25 Jahren Durststrecke verhalf. Shaqiri, Ehrenbürger von Tirana und Zürich, hatte nach einem Abwehrfehler der Freiburger den Ball aus kurzer Distanz zum 1:0 für die Bayern in die Maschen gewuchtet! Und lange sah es danach so aus, als würde der Schuss Shaqiris dem Favoriten aus München zum vierten Sieg im vierten Bundesliga-Spiel der Saison verhelfen. Bis, ja bis sich auch die Bayern eine Nachlässigkeit erlaubten – und der Freiburger Joker Nicolas Höfler (den kannten auch die fussballverrückten Albaner vorher nicht) mit dem 1:1 zum Partyschreck wurde.

Die Stimmung sank nun für eine Weile erheblich. Ob es nur wegen des Gegentreffers fuer den FC Shaqiri München war oder vielleicht auch ein wenig wegen verlorener Wetten, konnte ich nicht ganz ergründen, vermute aber Letzteres. Der Glaube an das Gute im Fussball ist in Albanien aber ungebrochen. Alle sind überzeugt, dass die Nationalmannschaft, die wie die Schweiz in der Qualifikationsgruppe E um ein WM-Ticket kämpft, den Sprung an die Endrunde in Brasilien schaffen wird. Und wahrscheinlich sogar als Gruppenerster vor den Schweizern, die momentan vier Zähler vor den zweitplatzierten Albanern liegen.


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