Darmstadt 98 – „Die Lilien sind jetzt Bayern-Jäger“

Wer nicht gewusst hätte, wer da an diesem lauen Sonntagabend über den Darmstädter Marktplatz schlenderte, hätte beide für ein Rentnerehepaar halten können. So unauffällig nahmen Hans Kessler und Gattin in einem Café Platz. Fünfzig Meter weiter brodelte es, vor dem „Ratskeller“ hatten sich Hunderte Menschen aufgebaut um die Mannschaft des SV Darmstadt 98 zu empfangen. Als diese kurz nach 21 Uhr das Team aus den Fenstern der Wirtschaft winkte, war das Ehepaar Kessler wieder weg. Der Großvater des Erfolgs dieses Vereins wollte in aller Stille den Erfolg genießen, den er während seiner Präsidentschaft gesät, und den sein Nachfolger Klaus-Rüdiger Fritsch nun erntet.

Selbstverständlich war Kessler auch nicht Montagvormittag im Darmstädter Rathaus, als die Mannschaft am Ende ihres Autokorsos durch die Innenstadt in den zweiten Stock gewankt kam um sich in, nun ja, gehobener Stimmung, ins Goldene Buch der Stadt einzutragen. Wie vor einem Jahr, als man in die zweite Liga aufgestiegen war. Nun geht es um Liga eins, „und wenn wir nächstes Jahr wieder kommen müssen, nehmen wir das Buch gleich mit“, krakeelte einer. „Voller Stolz und Bewunderung“, sei man, schwärmte Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne), der den Eifer für den Verein von seinem Amtsvorgänger Walter Hoffmann (SPD) übernommen hat, der wiederum einst Kessler ins Amt protegierte, weswegen der Neuanfang des Vereins erst möglich wurde.

Mit dem Aufstieg in die Bundesliga erhält der Kreis der 18 Elitären eine Vereinshymne, die in Südhessen schon längst Kultstatus hat. „Die Sonne scheint“ von Alberto Colucci. Das Besondere an dem Ohrwurm: Alberto Colucci hat den Song eigentlich für die WM 1986 in Mexiko geschrieben. Damals hieß das Stück „Go Go Mexico“. Leider landete es in der Ausscheidung nur auf Rang drei. „Ich wusste aber, dass es das Potenzial hat, ein Hit zu werden“, sagt Colucci ganz unbescheiden. Also fragte ihn sein Freund, der damalige Lilien-Spieler und heutige HSV-Trainer Bruno Labbadia, ob er den Song nicht auf die Lilien umdichten könne. Gesagt, getan. Vertont wurde er 1987 im Chor mit Labbadia, Bernhard Trares und Rafael Sánchez. Doch erst 20 Jahre später wurde er zum Hit. Der Song boomt. Alberto Colucci hat nun ein neues Lied am Start: „Unser Traum ist wieder da.“ Er glaubt: „Das wird wieder ein Knaller.“ Was sonst? (dur)

Der Sonntagabend war der vorläufige Höhepunkt dieses Neuanfangs. Als das Spiel gegen St. Pauli abgepfiffen wurde und durch den 1:0-Sieg der Aufstieg feststand, brach sich der übliche Wahnsinn Bahn: Männer weinten, der Platz wurde gestürmt, Anhänger versuchten mit Kugelschreibern Stücke vom Rasen herauszustechen. Später, in den Katakomen, wirkte Vereinspräsident Fritsch leicht entrückt, patschnass von der Bierdusche, zerbrochene Brille – er hatte gerade noch soviel Energie, um nicht für die Fernsehleute von Sky im Aufstiegs-T-Shirt herum zu kaspern. Ein Präsident trägt Sakko, auch, wenn dieses trieft und nach Bier riecht.

Es war ein Abend im emotionalen Grenzbereich, der Abwehrhüne Benjamin Gorka brauchte noch eine Weile, um seine Gefühle zu sortieren. Vor dem Match hatte er sich noch einmal das Video vom Mai 2014 angesehen, als die Lilien in ihrem fulminanten Relegationsrückspiel in Bielefeld den Aufstieg in die zweite Liga schafften. „Da sind so viele Emotionen in mir hochgekommen, so viel Adrenalin“, dass er deswegen schon Angst um die Gesundheit der Spieler von St. Pauli hatte.

„Aber zum Glück sind die alle heil geblieben.“

Auch Darmstadt ist heil bisher geblieben, obwohl hier derzeit vieles ungeordnet wirkt. Aus Lautsprechern von Polizeiautos scheppern „Lilien“-Lieder, auf den Displays an den Straßenbahnhaltestellen wurde am Montag verkündet, dass alle Züge derzeit verspätet verkehren – Grund: die Aufstiegsfeierlichkeiten, 12 000 Fans jubelten in den Straßen und Plätzen Darmstadts.

Wie es sich gehört für einen Oberbürgermeister, spannte Partsch am Montag gleich den großen Bogen und nutzte den Aufstieg, um auf die generelle Großartigkeit seiner Stadt zu verweisen. Mit einem Erstligaklub sei nun Darmstadt noch attraktiver geworden. Und, ja sicher, auch die Region würde davon profitieren. Das tut sie ja in solchen Fällen angeblich immer, ohne, dass diese Floskel jemals auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft wird. Es gibt aber auch schon konkrete Vorhersagen, etwa von Wirtschaftsweisen wie Klaus Schlappner, Assistenztrainer der Lilien-Mannschaft, die 1978 aufstieg. So prophezeite der ehemalige Elektromeister aus Biblis jüngst, dass sich mit dem Aufstieg das Geschäftsleben in Darmstadt verändern werde. Aus Paderborn liegen diesbezüglich noch keine Erkenntnisse vor, zudem dürfte es mit dem lokalen Einzelhandel jetzt wieder bergab gehen. Nicht wegen der Onlinekonkurrenz, sondern, weil der SC nach einem Jahr in der ersten Liga soeben wieder abgestiegen ist.

Gegensätzlicher können die beiden direkten Aufsteiger der zweiten Liga kaum sein. Hier der Meister FC Ingolstadt 04, üppig alimentiert vom Autobauer Audi. Dort der Tabellenzweite SV Darmstadt 98 mit einem Budget, das beim HSV gerade so für die Trainerabfindungen in einer Saison reichen würde.
Der Aufstieg der Lilien ist ein Bruch mit sämtlichen Gesetzen des Profifußballes. Eigentlich kann so ein Verein es niemals in die erste Liga schaffen: Sie haben kaum Geld, ein abbruchreifes Stadion, und sie spielen einen Fußball, bei dem das Ergebnis das Beste von allem ist. Aber genau deswegen ist die zweite Liga an diesem Verein gescheitert, und die erste wird sich ebenfalls schwer tun. Der SV Darmstadt 98 agiert komplett antizyklisch, er verwirrt die Konkurrenz und feiert nun den Triumph der wenigen Mittel. Das ist eine schöne Botschaft für eine Branche, in der irre Geldsummen zirkulieren, man Vermarktungsmöglichkeiten der Liga in aller Welt forciert und Stuttgarter Spieler schon hyperventilieren, weil der Rasen des Trainingsplatzes etwas zu stumpf ist. Die Lilien kommen daher mit einer Konzentration aufs Wesentliche nach dem Motto: Wir haben nichts, aber machen das Beste daraus. Schön können wir eh nicht spielen, also halten wir zusammen und spielen wenigstens erfolgreich. Und das Besondere daran: Es klappt sogar.
In der Unterhaltungsbranche Profifußball verkörpert Darmstadt die Reduktion auf den Sport. Fußball – sonst nichts. Trotz aller Romantik darf aber nicht vergessen werden, dass der Verein schon auch vom größeren Geschäft träumt, mit einem richtigen Stadion, mit Logen, mit Vermarktung und so weiter. Es geht nur nicht so richtig voran in Darmstadt, mit dem sportlichen Erfolg kann die Struktur des Klubs nicht mithalten.
Allein das Projekt Stadionneubau zieht sich, obendrein droht dem Verein hier ein Bruch mit dem treuen Anhang. Denn der will nicht einsehen, warum es in der neuen Arena nur noch eine Stehtribüne geben soll, in der sich alle, die nicht sitzen wollen, versammeln müssen: Rentner, Familienväter, aber auch Ultras und sonstige Fahnenschwenker. Das passt schwer zusammen.
Die Lilien dürfen bei aller dringend notwendigen Professionalisierung ihres Betriebes beim Sprung in die neue Zeit ihre DNA nicht missachten. Schließlich ist auch die spezielle Fankultur am Böllenfalltor ein Standortvorteil, wie wohl das Eigentümliche dieses Vereins sich prima nutzen ließe für einen dauerhaften Gegenentwurf zu den Verlaufsformen des Profifußballs. Man muss es nur wollen.

Ein Kommentar von Steffen Gerth

Aber in Momenten der unkontrollierten Gefühle werden eben Sätze gesagt, die wuchtiger klingen, als sie wahr sind. Die Ernsthaftigkeit fällt noch früh genug wieder über Darmstadt. Also setzt sich auch Oberbürgermeister Partsch ein albernes blau-weißes Hütchen auf und freut sich, wenn einer ganz unbescheiden ruft „dass die Lilien jetzt Bayern-Jäger sind“.

Der Zustand des Teams ließ freilich Zweifel aufkommen, ob diese jungen Männer in den nächsten Tagen irgendjemanden jagen können. Die größte Leistung dürfte gestern noch gewesen sein, es zum Flughafen zu schaffen. Denn der Flieger nach Mallorca nahm auch auf Aufstiegshelden aus Südhessen keine Rücksicht.

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