München – Schulfrei, aber nicht dienstfrei: Seit zwanzig Jahren ist der Buß- und Bettag kein gesetzlicher Feiertag mehr. Nur Schüler dürfen zu Hause bleiben. Für manche Eltern ist das ein Problem.
Für Jürgen Böhm kommt der Buß- und Bettag genau zum richtigen Zeitpunkt. „Ich habe heute erst eine Durchsage gemacht“, sagte der Schulleiter der Realschule Arnstorf in Niederbayern gestern. Thema waren die Anschläge von Paris. Böhm sprach über Werte, über Demokratie, über Freiheit. Dass die Schüler morgen einen Tag vor sich haben, an dem sie durchschnaufen können, findet Böhm angesichts der jüngsten Ereignisse sehr passend. „Solche Auszeit-Tage sind wichtig. Im Moment ganz besonders.“
Nur die Schüler haben am Buß- und Bettag frei. Sich besinnen und im Leben neu orientieren heißt es morgen für evangelische Christen. Der Buß- und Bettag dient zum Nachdenken über individuelle und gesellschaftliche Irrtümer. Er geht auf Notzeiten zurück, in denen die ganze Bevölkerung zu Umkehr und Gebet aufgerufen wurde.
Seit 20 Jahren ist der Tag kein gesetzlicher Feiertag mehr. Ab 1995 wurde er aus sozialpolitischen Gründen gestrichen, nur Sachsen hält an dem Feiertag fest. Die Mehrbelastung für die Arbeitgeber durch die Beiträge zur neu eingeführten Pflegeversicherung sollte mit dem zusätzlichen Arbeitstag ausgeglichen werden.
“Das war keine gute Entscheidung”
„Das war keine gute Entscheidung“, sagt Johannes Minkus, Sprecher der Evangelischen Landeskirche in Bayern. „Wir würden uns wünschen, dass der Buß- und Bettag wieder ein gesetzlicher Feiertag wird.“ Aus zwei Gründen: „Zum Einen bringt der schulfreie Tag viele Familien in eine schwierige Situation.“ Wenn beide Elternteile berufstätig sind, muss ein Ort gefunden werden, an dem das Kind bleiben kann. „Zum anderen braucht unsere Gesellschaft Tage, an denen innegehalten und über den richtigen Kurs nachgedacht werden kann, mehr denn je“, sagt Minkus.
Auf die Problematik der Kinderbetreuung weist auch der Bayerische Elternverband hin. „Wir würden uns wünschen, dass der Tag wieder einheitlicher gestaltet wird. Dass die Schule synchron mit den allgemeinen Arbeitszeiten läuft“, sagt der Landesvorsitzende Martin Löwe. Die meisten Eltern hätten sich zwar mit der Situation arrangiert, „sie tun sich zusammen, einer bleibt zu Hause und nimmt mehrere Kinder“, sagt Löwe, „aber es bleibt immer ein Provisorium“.
Oft helfen Schule und Kirche bei der Betreuung. Viele evangelische Gemeinden veranstalten am Buß- und Bettag einen Kinderbibeltag. Manche Schulen dehnen die Mittagsbetreuung aus. „Auch bei uns gibt es dieses Angebot“, sagt Realschulleiter Jürgen Böhm. „Aber es kommt niemand. Bei uns auf dem Land haben sich die Eltern da gut organisiert.“
Lehrer sind nicht vom Dienst befreit
Die Lehrer sind derweil nicht vom Dienst befreit. „Sie besuchen am Buß- und Bettag in der Regel Fortbildungen oder haben pädagogische Tage“, sagt Max Schmidt vom Bayerischen Philologenverband. Öffentlich werde das aber nicht immer wahrgenommen. „Da herrscht oft die Meinung, wenn der Lehrer nicht vor der Klasse steht, hat er frei.“ Schmidt sieht Tage wie den Buß- und Bettag als Chance. „Wir müssen uns wieder mehr ins Bewusstsein bringen, warum so ein Tag wichtig ist“, sagt er. Der Tag eigne sich bestens, um über Werte wie Toleranz und Solidarität nachzudenken.
Das sieht auch Johannes Minkus so. „Es gibt so viel Bedarf an Austausch. An Input von außen – egal ob beim Gottesdienst oder an anderen Orten.“ Das gelte nicht nur für Kinder. „Erst wenn ich Sorgen und Ängste formuliere, mir dafür Zeit nehme, kann ich sie klären.“ Minkus findet, dafür würde ein freier Buß- und Bettag einen angemessenen Rahmen bieten.
von Dominik Göttler
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