Leverkusen.
Man hat solche Fußballspiele schon gesehen, in denen eine Mannschaft die andere auf eine Weise beherrscht, dass es wehtut. Und am Ende steht es 1:1. Aber danach gibt es immer eine Verlängerung, weil diese Spiele in der ersten Runde des DFB-Pokals stattfinden zwischen Klubs, die mindestens zwei Spielklassen trennen. Innerhalb der Bundesliga, beim Duell zwischen zwei Champions-League-Teilnehmern, im Spiel zwischen dem Zweiten und dem Dritten der Tabelle, hat man das noch nie gesehen. Nicht so, wie es zwischen Bayer 04 Leverkusen und dem FC Bayern München war am Samstagabend.
Der neue Statistik-Fetischismus kleidet ein solches Spiel in andere Zahlen als das nackte Resultat von 1:1. Ballbesitz: 78:22. Gespielte Pässe: 629:118. Torchancen: 27:5. Er sagt aber nichts aus über den Schrecken in Gesichtern von Fußball-Profis, die geglaubt hatten, sie gehören zur Elite ihres Berufsstandes und dann eineinhalb Stunden lang nicht mal in die Nähe des Balles kamen. „Es war lange Zeit grausam“, erklärte der Leverkusener Mittelfeldspieler Stefan Reinartz, der gemeinsam mit den Kollegen dann aber erlebte, wie aus Schmerz ein verschmitztes Glücksgefühl wurde – gerade, weil keiner eine Erklärung hatte für dieses Unentschieden.
Ein kurzer Moment der Verwirrung
Selbst Pep Guardiola, der offenbar dabei ist, dem Spiel seine letzten Geheimnisse zu entlocken, scheitert hier in der Analyse. „So ist Fußball“, war alles, was der Bayern-Trainer als Begründung dafür liefern konnte, dass seine Spieler den Ball nur einmal im Tor unterbrachten als Toni Kroos eine ungestörte Vorarbeit von Franck Ribéry mit einem präzisen Direktschuss zum 1:0 vollendete (30.). Die nächste Szene führte zum erstaunlichen Ausgleich, weil der FC Bayern für einen Moment seine Ordnung vergaß, Bender Flanken ließ, Neuer die Faustabwehr missriet und Sidney Sam ins leere Tor schießen konnte, nachdem ein abgelenkter Schuss von Boenisch bei ihm gelandet war.
Bayer 04 Leverkusen hat sich trotz drückender Überlegenheit des FC Bayern ein 1:1-Unentschieden erkämpft. Die Einzelkritik der Bayer-Akteure von KStA-Redakteur Frank Nägele. Klicken Sie sich durch.
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So richtig ernst nahm das aber niemand. Es war ja noch eine Stunde zu spielen. Und der FC Bayern schraubte den armen Gastgeber mit atemberaubenden Passspiel vom eigenen Fünfmeterraum bis in den gegnerischen weiter auseinander, als wäre nichts geschehen. Alleine Thomas Müller hätte das Spiel mehrfach entscheiden müssen, aber als er unbedrängt einen Kopfball über das leere Tor beförderte war klar, dass zwischen Ball und Tor seltsame Dinge vor sich gingen an diesem Tag. Sie hatten natürlich auch zu tun mit dem Torhüter Bernd Leno, der das Münchner Chancenstakkato als Einladung für die Heldenrolle an diesem Abend begriff und durch die Gegend flog wie eine Kreuzung aus Superman und Batman. Als er gegen Spielende zwei wunderbare Schüsse des Europa-Fußballers Ribéry aus dem Tor boxte wussten alle, dass der Zauber an diesem Abend nicht zu besiegen war.
Sein Beispiel ermunterte die Kollegen dazu, vom Schicksal noch mehr Gnade zu fordern. Als Einwechselspieler Hegeler in der Nachspielzeit nach einem leichten Kontakt mit Ribéry an der Strafraumgrenze fiel, schrien die Bayer-Fans Elfmeter. Hegeler auch. Die Mitspieler ebenso. Irgendwann stand sogar Sami Hyypiä auf dem Platz. Schiedsrichter Knut Kircher blieb ruhig und blies nur noch in seine Pfeife, um das Spiel zu beenden. Die Ungläubigkeit aller über das Geschehene war mit Händen zu greifen. „Fußball ist nicht immer gerecht“, sagte Bayer-Kapitän Simon Rolfes.
Ein unvollendetes Kunstwerk
Die Pointe dieses Spieles war, dass der FC Bayern München an seinem Ende zum ersten Mal in dieser Saison an der Spitze der Bundesliga-Tabelle stand. „Das ist das Wichtigste“, erklärte Pep Guardiola, dem aber anzusehen war, wie sehr dieses unvollendete Kunstwerk eines Fußballspiels in ihm arbeitete. „Wir haben außergewöhnliche Stürmer, sie alle können Tore schießen“, sagte Guardiola, der glaubt, dass man das, was in Leverkusen versäumt wurde, nicht trainieren kann. „Aber wir werden daran arbeiten“, sagte der Katalane. Das klingt wie das letzte Geheimnis, das er dem Fußballspiels noch nicht entlockt hat.