© Laif
Crazy Horst: So hatte die F.A.S. Seehofer in Erinnerung an den Indianerführer „Crazy Horse“ (unser Bild) genannt. Seehofers Sprecher Strepp nannte das damals „einfach köstlich“
Bei Fernsehsendern rufen jeden Tag viele Menschen an. Die einen wollen etwas vermeintlich Weltbewegendes mitteilen, die anderen wollen sich beschweren, wieder andere wollen Fragen beantwortet haben. Und manche haben Vorschläge zur Programmgestaltung. Von der Art war ein Anruf beim ZDF am vorigen Sonntag. Allerdings war dieses Mal kein gewöhnlicher Neunmalkluger an der Strippe, sondern Hans Michael Strepp. Er ist oder vielmehr war Sprecher der CSU. Das ist die korrekte Bezeichnung. Tatsächlich bedeutet das aber, dass er der Sprecher von Horst Seehofer, dem Parteivorsitzenden, war. Hans Michael Strepp ist ein selbständig denkender Mensch. Und doch ist es bei Pressesprechern normalerweise so, dass der Chef bei jedem Anruf irgendwie mit im Raum schwebt.
Strepp also wollte an jenem Sonntag etwas mit der „heute“-Redaktion erörtern. Unglücklicherweise hatte er – anders als die Sprecherin von Umweltminister Markus Söder in einem ähnlichen Fall, von dem später noch die Rede sein wird – nicht die passenden Telefonnummern zur Hand. Strepp wurde daher zunächst in das Großraumbüro verbunden, in dem die „heute“-Sendung entsteht. Dort sprach er mit einem Redakteur, der intern „Libero“ genannt wird, weil er seinen Kollegen den Rücken freihalten soll.
Welche Worte in dem Telefonat fielen, darüber gibt es nur die Darstellung des ZDF-Redakteurs. Strepp bestreitet die, verrät aber auch nicht, was er gesagt haben will. Der „Libero“ schildert das Gespräch mit Strepp so: „Er fragte, ob wir wüssten, dass weder die ARD noch Phoenix über den SPD-Landesparteitag berichten würden. Er sei informiert, dass wir einen Beitrag planten. Weit davon entfernt, in das Programm reinzureden, wolle er aber doch rechtzeitig zu bedenken geben, dass es im Nachklapp Diskussionen geben könnte, wenn das ZDF im Alleingang sende.“
Eine SMS mit der Bitte um ein Telefonat
Unstrittig ist, dass Strepp an diesem Sonntag vor dem Anruf schon ziemlich fleißig gewesen war – obwohl er anstrengende Tage hinter sich hatte. Am Samstag war der CSU-Parteitag zu Ende gegangen, mit einem erfreulichen medialen Widerhall, zumindest für Politiker, die gewohnt sind, in Sendeminuten und Zeilenzahlen zu denken. So gesehen gab es wenig Grund für einen CSU-Sprecher, am Sonntag, an dem die bayerische SPD in Nürnberg den Münchner Oberbürgermeister Christian Ude zu ihrem Spitzenkandidaten kürte, seinem Mobiltelefon schon wieder keine Ruhe zu gönnen.
Strepp schickte um 9.41 Uhr – so stellt es die ARD dar – eine SMS an einen Fernsehkorrespondenten im ARD-Hauptstadtstudio des Inhalts: „Wissen Sie eigentlich, ob ARD heute was macht zu Ude in Nürnberg? Danke für die Info.“ Strepp habe die Antwort erhalten, die ARD mache nichts, vielleicht mache der Bayerische Rundfunk etwas. Gemeint gewesen sei, dass das Hauptstadtstudio nicht über den SPD-Parteitag berichte, sondern die zuständige Landesrundfunkanstalt, sagt der Leiter des ARD-Hauptstadtstudios, Ulrich Deppendorf. Strepp diente der CSU seit 2006 als Parteisprecher. Die Zuständigkeiten und Usancen der ARD waren ihm bestens vertraut, so dass sich jeder Fehlschluss verbot, die Zuschauer der ARD würden mit Udes Nominierung nicht behelligt. Die „tagesschau“ berichtete in ihrer 20-Uhr-Ausgabe ausführlich über die bayerische SPD, die „tagesthemen“ ein wenig knapper. Das war nicht überraschend.
Strepp schickte an diesem Vormittag auch eine SMS an den Leiter des ZDF-Landesstudios in München, Ulrich Berls, mit der Frage, welchen Umfang die „Berichterstattung Ude“ in dessen Sender haben werde. Berls beschied ihn, Berichte seien geplant, zuständig sei aber die Zentrale in Mainz. Doch Strepp blieb weiter tätig: Es folgte eine SMS an den Leiter der ZDF-Hauptredaktion „Aktuelles“ mit der Bitte um ein Telefonat. Das kam nicht zustande.
Ein besonnener Profi
Wenig verwunderlich, dass die bayerische Opposition nun Generalsekretär Dobrindt und Seehofer in den Blick nimmt, die in den Turbulenzen um Strepps Telefonat unterschiedliche Taktiken einschlugen. Dobrindt verbreitete zunächst nur dürftige Pressemitteilungen. Seehofer sagte seine Teilnahme an der Ministerpräsidentenkonferenz in Thüringen ab, warf sich selbst in die Schlacht und beteuerte, wie heilig der CSU die Pressefreiheit sei. Und wie weit die CSU entfernt davon sei, sich als Staatspartei zu fühlen, die neben sich niemanden dulde.
Hans Michael Strepp ist ein erfahrener Mann, der seine juristische Ausbildung mit einer Promotion krönte und nach beruflichen Anfangsjahren als Richter und Staatsanwalt das Handwerk eines Pressesprechers in der Bayerischen Staatskanzlei erlernte, bevor er in die CSU-Landesleitung wechselte. Er diente drei CSU-Vorsitzenden – Edmund Stoiber, Erwin Huber und Horst Seehofer – als Sprecher. Jeder, der mit ihm zu tun hatte, erlebte ihn als besonnenen Profi, der sich nie gerierte, als sei er auf dem medialen Kriegspfad.
Natürlich hatte er im Gespräch mit Journalisten die Interessen der CSU, besonders des Vorsitzenden und des Generalsekretärs, stets im Blick. Das war bis zum Donnerstag auch seine Aufgabe. Doch ging er dabei nicht tumb vor, antwortete auch auf kritische Fragen nicht nur in Schablonen. Dass er an anderer Stelle schon einmal den Versuch unternommen hätte, einen Sender oder eine Zeitung rundheraus davon abzubringen, über die politische Konkurrenz zu berichten, ist nicht überliefert. Strepp versuchte zwar, an Strippen zu ziehen, aber nicht, wenn er schon wusste, dass damit eine Mauer einstürzen und geradewegs auf das Dach der CSU-Parteizentrale krachen würde.
Warum stellte sich Seehofer nicht vor Strepp?
Der ehemalige Sprecher hüllt sich in Schweigen über seine Motive. Sein Parteivorsitzender beteuert, dass Strepp ihm, Seehofer, versichert habe, eine Anweisung habe es nicht gegeben. Auch Dobrindt sagt, Auftrag oder Anweisung hätten nicht existiert. Er habe am Sonntag „keinerlei Kontakt zu Herrn Strepp“ gehabt. Wenn das so war, hat Strepp aus Übereifer gehandelt. Die irrige Annahme, die ARD berichte nicht über die Nominierung Udes, hat ihn vielleicht beflügelt und zu der Hoffnung veranlasst, er könne nun auch noch das ZDF zu solchem Vorgehen bringen. Das aber hieße, dass die Stimmung in der CSU schon ein Jahr vor der Landtagswahl so sehr von der Angst vor dem Machtverlust geprägt ist, dass selbst erfahrene Mitarbeiter sich in Wahnsinnstaten stürzen.
Warum aber hat die CSU-Spitze und allen voran der Vorsitzende zur Eskalation des Vorgangs derart beigetragen? Spätestens als Seehofer seine Teilnahme am Treffen der Ministerpräsidenten, bei dem es um ein so wichtiges Thema wie die Energiewende ging, wegen der Causa Strepp absagte, wurde die Angelegenheit zur Staatsaffäre in Bayern. Warum hat sich Seehofer nicht vor Strepp gestellt, bis aufgeklärt wurde, was genau passiert war?
Strepp hatte offenbar früh erkannt, dass der Kampf nicht zu gewinnen ist. Deswegen bot er Generalsekretär Dobrindt sofort seinen Rücktritt an, als dieser ihm am Donnerstag sagte, dass er sich mit dem ZDF nicht auf eine übereinstimmende Sicht der Dinge habe einigen können. Er könne, so Strepp, unter diesen Umständen seinen Job nicht mehr ausüben. Dobrindt versuchte nicht, ihn umzustimmen. Er erinnert sich an den Vorgang mit den Worten: „Ich habe ihm zugestimmt.“ Strepp teilte seinen Entschluss anschließend Seehofer per SMS mit.
„Es gab keinen Auftrag“
Doch kaum hat Strepp seinen Posten aufgegeben, drängt der nächste CSU-Sprecher – vielmehr eine Sprecherin – in die Schlagzeilen. Wieder geht es darum, ob versucht wurde, einem öffentlich-rechtlichen Sender Hilfe bei der Programmgestaltung zu leisten. Die Sache liegt schon eine Weile zurück, ist aber deswegen nicht minder brisant. Ulrike Strauß, die Sprecherin des damaligen bayerischen Umweltministers Markus Söder, telefonierte sich kurz nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima im März vorigen Jahres durch den Bayerischen Rundfunk. Sie wollte mitteilen, so formuliert es ein heutiger Sprecherkollege von ihr, dass ein bereits ausgestrahlter Beitrag über die Haltung ihres Ministers zur Sicherheit bayerischer Atomkraftwerke aus „journalistisch-fachlichen Gründen“ nicht „sachgerecht“ sei.
In dem Beitrag wurden Äußerungen Söders aus der Zeit vor der Fukushima-Katastrophe, das Atomkraftwerk Isar I sei sicher, Einschätzungen des Ministers gleich nach dem Unglück, Isar I sei nicht sicher, gegenübergestellt. Was auch immer Strauß mit dieser Anmerkung bewirken wollte, der Beitrag wurde in weiteren Sendungen des BR durch einen anderen ersetzt. Der Rundfunksender bestreitet, er sei unter Druck gesetzt worden.
Und Ulrike Strauß bemüht sich, eine Debatte darüber, ob sie Anweisungen zu ihrem Telefonat erhalten habe, im Keim zu ersticken: „Ich habe mich eigenständig entschieden anzurufen. Es gab keinen Auftrag, und ich habe darüber niemanden informiert.“ Komisch: Warum muss man gleich an den Fall Strepp denken?
Quelle: F.A.S.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben
Weitersagen
Kommentieren
Merken
Drucken
Anrufe bei Journalisten: Die hilfsbereiten Damen und Herren von der CSU
Anrufe bei Journalisten
Die hilfsbereiten Damen und Herren von der CSU
Von Eckart Lohse, Berlin, und Albert Schäffer, München
Ungewollte Hilfe bei der Programmgestaltung: Kaum ist Parteisprecher Strepp über ein Telefonat mit dem ZDF gestolpert, gerät ein nächster Anruf dieser Art in die Schlagzeilen.
Ein Fehler ist aufgetreten. Bitte überprüfen Sie Ihre Eingaben.
Beitrag per E-Mail versenden
Vielen Dank
Der Beitrag wurde erfolgreich versandt.
Diskutieren Sie mit !
Es wurden noch keine Lesermeinungen zu diesem Beitrag veröffentlicht.
Möchten Sie den ersten Diskussionsbeitrag verfassen?
Open all references in tabs: [1 – 6]